Gedenkveranstaltung für die Opfer der Anschläge auf die Eziden in der irakischen Bergregion Sinjar im August 2007

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und die Ezidischen Akademie e.V. laden Sie herzlich ein, zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Anschläge auf die Eziden in der Bergregion Sinjar im Nordosten des Irak im Jahr 2007. Die Veranstaltung findet statt am 12. August 2012 und beginnt um 12.00 Uhr im

Stadtteilzentrum Nordstadt e.V.
Bürgerschule
Schaufelder Str. 30
30167 Hannover

Stadtbahn Linie 6 und 11, Haltestelle Kopernikusstraße
Stadtbahn Linie 4 und 5, Haltestelle Schneiderberg/Wilhelm-Busch-Museum
Bus Linie 131 / 132, Haltestelle Kopernikusstraße

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Bei den Anschlägen auf die überwiegend von Eziden bewohnte Region Sinjar am 14. August 2007 wurden mehr als 336 Menschen getötet und rund 1.000 Familien obdachlos. Zwei Wohnsiedlungen der religiösen Minderheit wurden vollständig zerstört. Islamistische Extremisten hatten mehrere LKWs, darunter auch einen als Wasserwagen getarnten Benzintankwagen, mit Sprengstoff beladen, in die beiden Ortschaften gefahren und zeitgleich zur Explosion gebracht. 

Die Eziden bilden unter den mehrheitlich muslimischen Kurden eine religiöse Minderheit. Sie sind eine jahrtausendealte nahöstliche Glaubensgemeinschaft und sprechen die Kurmanci-Variante des Kurdischen. Ihre Gesamtzahl wird von der GfbV auf rund 800.000 Angehörige im Nahen Osten und in der europäischen Diaspora geschätzt. Während im Irak mehr als 500.000 Eziden leben, sind in Armenien nur noch rund 18.000 Eziden ansässig, in Syrien etwa 5.000 und in Georgien lediglich 1.200. Die rund 50.000 Eziden in Deutschland sind meist Religionsflüchtlinge aus der Türkei. Dort wird ihre Zahl heute auf etwas mehr als 400 geschätzt.

 

 

Gedenkfeier des Anschlags in Schingal

von Virginia Apel und Ulrike Fischer

Protokoll der Gedenkfeier am 12.08.2012

in der Bürgerschule, Schaufelder Straße 30, Hannover

Zu der Veranstaltung hatten sich zahlreiche Mitglieder der Ezidischen Akademie, Vertreter der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Vertreter der ezidischen Partei und anderer ausländischer Organisationen sowie Vorstandsmitglieder des Afrikanischen Dachverbandes Norddeutschland e. V. eingefunden, um den Opfern zu gedenken.

Hatab Omar, der Vorsitzende der Ezidischen Akademie eröffnete die Veranstaltung mit      einer Schweigeminute zum Gedenken an die über 300 Opfer des Anschlags in Schingal die 2007 von Terroristen ermordet wurden und an die Zerstörung des Ortes, sowie in Gedenken an die Opfer im Nahen Osten.

Anschließend stellte Dr. Lutz Brade kurz das Projekt „Humanitäre Hilfe für Kinder im Irak“ vor. Die Krankenhäuser und die ärztliche Versorgung in diesem Nord-Irakischen Gebiet sind extrem schlecht, dies ist besonders für werdende Mütter, Kleinkinder und gebrechliche Menschen problematisch. 

Die Infrastrukturen in dem Gebiet sind so gut wie nicht vorhanden und auch die Lebensbedingungen  sind nicht besonders gut. Zudem fehlt es an Bildungsmöglichkeiten. Aus verschiedenen Gründen, wovon Sicherheit und eine schlechte medizinische Versorgung vor Ort die zwei wichtigsten sind, versucht dieses Projekt die Behandlung von Kindern aus dem Gebiet in Deutschland zu ermöglichen. Dafür sucht die Akademie finanzielle Unterstützung, aber auch Unterstützer, die für die Sicherheit der dorthin reisenden Gruppe garantieren können.

Frau Gisela Prieß, Expertin für Eziden von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)  bot uns Hintergrundinformationen und Informationen über die aktuelle Lage der Eziden im Nord-Irak und damit über das Gebiet in welches Vertreter der Ezidischen Akademie reisen möchten. Vieles in Schingal wurde zwar wieder aufgebaut, aber die Infrastrukturen fehlen immer noch. Es gibt Trinkwasser- und Nahrungsmittelknappheit. Das schlimme ist, das die humanitären Hilfsgruppen vielfach an ihrer Arbeit gehindert werden, anstatt unterstützt. Die Selbstmordrate dort ist außergewöhnlich hoch, lässt sich aber mit der Perspektivlosigkeit der Jugendlichen erklären, denn sie haben keine Aussichten auf Ausbildung oder Beruf. Diejenigen, denen es möglich ist, die wandern nach Erbil oder nach Deutschland aus. Die prekäre politische Lage von Minderheiten in diesem Gebiet spielt auch eine große Rolle, da die kurdische Mehrheit in der Region die zugesicherten Rechte der Eziden nicht respektiert.

Hasso Omriko, Historiker und Mitbegründer der Akademie, sprach über die Geschichte der Genozide an den Eziden durch islamische Gruppen. Die Eziden waren und sind eine beliebte Zielscheibe dieser Gruppe und dies sei der 73ste Genozid in der 1400- jährigen Geschichte des Islams.

Die drei großen Anschläge von 2007 wurden von Augenzeugen gesehen; feste Beweise sollen gesammelt und schriftlich an den Internationalen Gerichtshof geschickt werden und die Täter sollen verurteilt werden.  Diese Anschläge haben bis heute keine internationale Beachtung erfahren und damit auch keine Sanktionen nach sich gezogen.

Prof. Dr. Hartmut Griese (emeritiert), ein in Religionsfragen interessierter und engagierter Mensch, nutzte die Gelegenheit für einen Appell, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, um diese Geschehnisse weiter bekannt zu machen:„Die Öffentlichkeit ist die Macht!“

Der Vorsitzende der ezidischen Partei im Irak, Waad Mato, ist frisch aus dem Irak gekommen und schilderte sein Schicksal als Ezide, Journalist und Medienberater der Regierung in Bagdad.  Sein Einsatz für die Feststellung der Wahrheit über die Täter dieser Anschläge führte zu Bedrohung seines Lebens, Folter, und Gefangenschaft in seiner Heimat. Herr Mato sucht jetzt Asyl in Deutschland.  Er äußerte sich zu der Situation, dass jetzt die Kurden die politische Macht in diesem Gebiet haben, wo fast ausschließlich Eziden wohnen. Schon heute stehen nicht die Araber hinter den Problemen der Eziden, sondern Kurden.  Herr Mato war persönlich dabei in Schingal während des Attentats und hat vieles fotografiert. Seine Fotos  sind überall im Internet zu sehen in Verbindung mit Berichten über das Attentat. Er sagte, es wurde sofort eine Demonstration organisiert, aber die kurdischen Sicherheitskräfte (Peshmarga) haben sie verboten sowie weitere Gedenkfeiern am Ort des Geschehens.  Seine Partei, die sich gegen die Unterdrückung von Eziden einsetzt, wurde verboten. Seine eigene Wiedereinreise in den Irak wurde verhindert.  Herr Mato rief die 100 000 in Deutschland wohnenden Eziden auf, sich besser zu organisieren und gegen das Unrecht in ihrer Heimat zu engagieren. Beweise über die Täter müssen unbedingt zu den Vereinten Nationen (VN) geschickt und dort bearbeitet werden.

PAUSE

Essen und Besichtigung der Gedenkausstellung mit Fotos der Opfer.

Nach der Pause trägt der Dichter Tengezar Marini sein Gedicht vor.

Er sprach zusätzlich über die lange mündliche Tradition der ezidischen Kultur.  Die Geschichte des Volkes wurde Jahrzehnte lang durch Lieder übertragen. Schingal ist das Hauptgebiet dieser präislamischen Kultur. Um 700 AD wurden 70 000 Eziden von Angehörigen dieser damals neuen Religion getötet. Viele Eziden wurden dann Zwangsassimiliert – auch ein kulturelles Massaker. Die ezidische Kultur geht noch weiter zurück als Gilgamesh mit einem Man-Gott, der „Gott der frischen Luft“.

Mit diesem Gedicht endete die Veranstaltung um 16:00 Uhr