Die Ezidische Akademie. Rückblick - Ausblick

von Lutz Brade

Vorausgegangen ist der Ezidischen Akademie (EA) das  Ezidische Colloquim (EC), ein Forum  von jungen, nach Deutschland geflüchteten Eziden, die hier die Schule besuchten, eine Ausbildung machten und zu studieren begannen. Sie  erstellten die Homepage EC, sammelten Informationen zum Ezidentum, stellten sie ins Internet, riefen Eziden und am Ezidentum Interessierte zur Mitarbeit auf und richteten in der H.-Arendt-Bibliothek in Hannover eine Abteilung für ezidische Literatur ein. 

Die jungen Erwachsenen verstanden sich nicht als Konkurrenz zu den ab den 90er Jahren in Deutschland gegründeten Ezidischen Vereinen. Aber sie meinten, dass deren Bestrebungen in der Diaspora ergänzt werden sollten. Sie begrüßten die Organisationsformen von Eziden mit den Möglichkeiten  von Begegnungen, der Ausrichtung von Festen und Hochzeiten sowie der Durchführung von Zeremonien bei Todesfällen. Mit den gen. Vereinsbestrebungen befürchteten sie eine Fortsetzung der Isolierung, wie sie bei Eziden über Jahrhunderte in ihren Herkunftsgebieten festgestellt wird, in denen sie diskriminiert und bis in die Gegenwart benachteiligt werden. Sie wiesen darauf hin, dass die Ausgrenzung der Eziden bei den politischen und soziokulturellen Bedingungen in der BRD beendet sei und Eziden hier einen gleichberechtigten Teil der Gesamtgesellschaft ausmachen, soweit sie nicht vom deutschen Asylrecht betroffen sind. Als Konsequenzen riefen sie die Eziden zur  Teilnahme an den gesellschaftlichen Prozessen und zur Erforschung des Ezidentums (Religion, Geschichte, Gesellschaftsstrukturen, Bräuche, Riten) auf. Sie strebten nicht die Assimilierung an, sondern die Eingliederung der Eziden in die neue Heimat, die Revitalisierung des Ezidentums und die Suche nach einer Identität, die einerseits aus religiös und historisch gewachsenen sowie gesellschaftlich bedingten Traditionen abgeleitet wird, aber durch die leidvolle Geschichte der Ethnie und Religionsgemeinschaft verloren ging, andererseits  bei den gesellschaftlichen Bedingungen in der BRD überdacht und situationsgemäß akzentuiert werden sollte. Weil sie in den vorfindlichen Ezidischen Vereinen geringe Chancen für die Realisierung ihres Ansatzes sahen, folgte durch die Initiative  eines ehemaligen Mitglieds des EC  die Gründung der EA in der 2. Hälfte 2009. Bei der Gründungsversammlung in Hannover waren Ezidische Frauen und Männer sowie Frauen und Männer weiterer Nationalitäten gleichberechtigt vertreten.

Dieses Prinzip beruht auf der Erkenntnis, dass die gegenwärtig vier aktiven Religionen mit Bezug zum Zweistromland Eziden-, Juden-, Christentum (in der Institution der ehemaligen ostsyrischen Kirche seit 424 n.Chr.)  und Islam gemeinsame Grundauffassungen verbindet. Sie vermitteln den Glauben an die eine Schöpferkraft alles Seienden und dessen Qualität. Jeder Mensch wird unabhängig von seiner Herkunft, seinen Anschauungen, seinen Verhältnissen als gleichwertig betrachtet, ist mit Würde versehen und seine Person ist unverletzbar. Die Schöpferkraft stattete jeden Menschen mit Moralanschauungen aus, die jedes Individuum dank seines Verstandes kategorisieren und an denen es sein Verhalten kraft seines freien Willens orientieren kann. Da zwischen der Schöpferkraft und dem Individuum eine lebenslange Beziehung besteht, resultiert für jeden Menschen aus dieser Bindung der Auftrag, seine  Fähigkeiten für das Wohlergehen der gesamten Kreatur/Natur zu mobilisieren. Mit seinem Tod muss jeder Mensch seine Lebensführung verantworten. Der gesamte Kosmos mit allen seinen Phänomenen wird als eine Einheit betrachtet. Der von den Religionen präsentierte Wertekatalog hat eine Entsprechung in den Grundsätzen der ‚Allgemeine Erklärung der Menschenrechte‘ (AEMR). Während das skizzierte Selbstverständnis der gen. Religionen von Juden, Christen und Muslimen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit vertreten wird, kann von den Eziden insgesamt gesagt werden, dass sie hier physisch, aber in der Mehrzahl noch nicht ganzheitlich  angekommen sind. Von Eziden wird zu wenig umgesetzt, dass ihre religiösen Vorstellungen zu den ältesten, wahrscheinlich schon zu den in vor- bzw. sumerischer Zeit vorhandenen Glaubensüberlieferungen gehören. Eziden stehen wie allen Bürgerinnen/Bürgern in der bundesdeutschen Gesellschaft Reche zu und sie existieren in einem relativ geschützten Umfeld, in dem sie sich ohne Ängste zu erkennen geben und sich der Gesellschaft öffnen können.  Präsenz in der Gesellschaft kann gegenseitiges Verständnis und Vertrauen anbahnen, zu gegenseitiger Akzeptanz, Kommunikation und Kooperation führen. Die beispielhaft gen. Prämissen wiesen den Weg zu einem Arbeitskonzept für die EA, von denen hier einige Schwerpunkte genannt werden. Das Verhältnis zwischen Ezidentum, Christentum und Islam verlangt den interreligiösen Dialog. Zu wenig ist bekannt, dass Christen und Eziden über Jahrhunderte in vom Islam geprägten Ländern Nachbarschaften pflegten und sich gegenseitig beistanden. Während Christen wegen ihrer heiligen, anerkannten Texte (s. z.B. S2,99-104;3,57-78.109-111;5,17-36 u. ö.) vom Islam relativ unbehelligt blieben, - der Genozid an den Armeniern, die Vertreibung weiterer Christen und Eziden zu Beginn des 20. Jahrhunderts, über Jahrhunderte andauernde Übergriffe gegen Eziden und andere Minderheiten dürfen  nicht vergessen werden -, wurden Eziden besonders gering geschätzt, weil sie über keine schriftlichen Zeugnisse ihrer religiösen Überlieferungen verfügten, die sie mündlich weiter gaben. Ein Teil von ihnen lehnte ab zum Islam zu konvertieren  und ihnen wurde insgesamt der Glaube an einen Widersacher des einen Gottes vorgehalten.  Die Erforschung des Ezidentums ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders an der theologischen Fakultät der Universität Göttingen hat die ezidische Religion als monotheistisch  bestätigt, die Meinung zurückgewiesen, das Ezidentum als eine Abspaltung vom Mainstream des Islam zu charakterisieren und die ihnen vorgehaltene Verehrung eines Gegenspielers neben dem einen Gott revidiert. Diese Problematik besteht weiterhin zwischen Ezidentum und Islam und auf sie wurde von der EA in Veranstaltungen ab 2009 hingewiesen.  Die EA, nach ihrer Satzung keiner Ideologie verpflichtet,  hofft auf die Bereitschaft des Islam zu einem interreligiösen Dialog. Er wird auch deshalb forciert werden, weil parallel zur Erforschung des Ezidentums in Europa die Bereitschaft von Eziden zugenommen hat, einen aktiven Part zu übernehmen. Im Irak z.B. haben Eziden ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Publizierung mündlich tradierter Texte (Qewls) begonnen, erweitert wurden die Forschungen durch Veröffentlichungen des Instituts für Orientalistik der Universität Göttingen, und von Eziden in Deutschland erschienen einzelne wissenschaftliche Arbeiten auf Internetseiten, in Zeitschriften, in Examensarbeiten und in Buchform. Die Zeitschrift der Ezidischen Akademie (ZEA) bietet Eziden und sonstigen Autoren Raum für Beiträge zum Ezidentum und zur Religionsgeschichte/-wissenschaft. Die Erkenntnisse zum Ezidentum sind so weit fortgeschritten, dass seine Anerkennung als vierte eigenständige Religionsgemeinschaft mit Bezug zum Zweistromland nicht länger verweigert werden kann.

In 2010 wurde von der EA der ezidische Forscher B. Azad für einen Vortrag zu Aspekten des Ezidentums gewonnen. Seine Thesen und Erkenntnisse hat B. Azad schriftlich fixiert und auf dieser Basis hat die EA die Schrift ‚Der Glaubensweg der Eziden‘ herausgegeben. B. Azad beschreibt die Entstehung der Ezidischen Religion als einen Prozess vergleichbar den Stationen bei den Sumerern, Babyloniern, im Judentum und Islam und belegt die Authentizität des Ezidentums. Seine Auffassungen zur ursprünglichen Sozialstruktur der Eziden, nämlich die Entwicklung  von maternalen zu paternalen Gesellschaftsformen, werden u.a. die begonnene Diskussion in der ezidischen Community über ihre religiösen und soziokulturellen Traditionen, ihre Organisationsformen und ihre Einstellungen zur Gesamtgesellschaft beeinflussen. Sein Beitrag lag zu einem Zeitpunkt vor, als von ezidischen Jugendlichen in der BRD eine öffentliche Diskussion zu Brautgeld/Zwangsheirat gewünscht wurde. Die Thematik wurde in 5/2011 in den Räumlichkeiten der EA in Hannover behandelt. H. Omriko, ein ezidischer Historiker, leitete in die Thematik ein. Danach referierten zwei junge Eziden zur Sache. Die z.T. kontroversen Standpunkte können hier nicht wiedergegeben werden. Ein wesentliches Ergebnis der Diskussion stellte die Erkenntnis dar, dass Brautgeld/Zwangsheirat nicht religiös begründet werden können, sondern nach B. Azad und weiteren Kennern ezidischer Überlieferungen historisch durch politische und soziokulturelle Bedingungen zustande kamen.

Die Bereitschaft zur Teilnahme in/an der Gesellschaft setzt einen gesicherten Rechtsstatus der in Deutschland lebenden Eziden  sowie Vertrauen in die deutschen Staatsorgane voraus. Von beiden Seiten sind die Anstrengungen zur Verbesserung des gegenseitigen Verhältnisses zu intensivieren. Um in diesem Bereich voranzukommen, wurde von der EA der Arbeitskreis (AK) ‚Frauenrechte‘ eingerichtet. Erörtert wird die Situation von Frauen nach den Verfassungen von Staaten und gemessen wird der Umgang mit Frauen in Einzelstaaten an Kriterien der AEMR. Die Analysen zeugen von mehr oder weniger schweren Defiziten in allen Ländern. Die Gravamina werden dokumentiert und sollen zu einem späteren Zeitpunkt in der Homepage der EA (www.ezidak.de) zugänglich gemacht werden. Überlegungen gehen dahin, in einem AK ‚Menschenrechte‘ den Umgang mit Menschenrechten durch Staatsorgane international und national zu untersuchen und Ergebnisse zu publizieren. Für die BRD ist ein AK ‚Asylrechtliche Angelegenheiten‘ vorgesehen. Der Beauftragung der Mesopotamien verbundenen und heute dort noch aktiven Religionen kommt zu, einen AK ‚Rechte der gesamten Kreatur/Natur‘ künftig zu etablieren.

Für die Sozialisation der nachwachsenden Generationen werden die Bereiche Bildung und Ausbildung einen wichtigen Bestandteil der Bemühungen der EA ausmachen. In den Räumlichkeiten der EA wird z.B. ein regelmäßiger Musikunterricht mit gemeinsamem Musizieren seit der 2. Hälfte 2010 angeboten. Nach den landesgesetzlichen Vorgaben für Niedersachsen und NRW will die EA einen ezidischen Religionsunterricht (RU) an öffentlichen Schulen in Gegenden durchsetzen, in denen Eziden in größerer Anzahl wohnen. Die EA besteht nicht primär auf einem konfessionellen RU, wie er in den Landesverfassungen Niedersachsens und NRWs vorgesehen ist, sondern plädiert für ein Fach ‚Religionenkunde‘, durch das Heranwachsende gemeinsam mit Inhalten der Religionen vertraut gemacht werden sollten. Ein RU in dieser Form bietet religionsübergreifende Aspekte, betont Gemeinsamkeiten von Religionen und zeigt die Verpflichtung zur Zusammenarbeit von Menschen auf, die sich zu Gliedern von Religionsgemeinschaften zählen. Für die Ausbildung von Lehrpersonal, das das Fach ‚Ezidischer RU‘ bzw. ‚Religionenkunde‘ angemessen unterrichten kann, wird die EA die staatliche Anerkennung als Bildungsinstitution beantragen.

Von den erdweit bis zu 1 Million geschätzten Eziden leben in der autonomen Region des Nordirak und dessen Umfeld ca. 600000 Menschen. Die EA befürwortet für die innerhalb und außerhalb der autonomen Region wohnenden Eziden zusammen mit Menschenrechtsorganisationen wie der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) einen Minderheitenstatus. Nahe Mosul, etwa 60 Km nordöstlich der Stadt, liegt das Zentralheiligtum der Eziden Lalish. Hier und in seinem Umkreis sind die geistlichen und weltlichen ezidischen Oberhäupter vertreten. Mit ihnen und der ezidischen Bevölkerung will die EA die Kontakte intensivieren.

Für die Mitarbeit im Büro der EA und für die Durchführung von Vorhaben werden interessierte und engagierte Unterstützerinnen/Unterstützer gesucht, die gemäß der Satzung der EA jeder Nationalität angehören können. Alle Mitglieder der EA arbeiten ehrenamtlich. Jede(-r) kann Mitglied werden, einschließlich juristische Personen, und mit seinem Beitrag die EA fördern und/oder durch Spenden seine Sympathie für die Tätigkeiten der EA bekunden.

 

Literaturhinweise

Affolderbach, M./Geisler, R., Die Yeziden, EZW-Texte, Nr. 192, Hannover 2007

Azad, B., Der Glaubensweg der Eziden, hrsg. von Ezidische Akademie e. V. Hannover, Hannover 2011 (Sork-Print)

Der Koran, Aus dem Arabischen von M. Henning, Leipzig 1979, 7.A.