"Der seltsame Schädel" von Sebastian Kortemeier und Hatab Omar

Überlegungen zur Überlieferung Ezidischer Märchen von: Hatab Abduslo und Sebastian Kortemeier Mündlich überlieferte Märchen erzählen, schreiben und verlegen

Erzähltradition aufnehmen und fortsetzen
Mythos und Wirklichkeit - gestern und heute
Märchen und Geschichten erzählen, analysieren und interpretieren
Transkriptionen von Märchen, Mythen und mehr

 


Qoqê Serî    -    Der seltsame Schädel 

Es gab einmal einen Bauern, der lebte mit seiner Schwester auf einem kleinen, alten Bauernhof in der Nähe einer Stadt. Die Schwester versorgte Haus und Hof, während der Bauer vom Frühjahr bis zum Herbst täglich von früh bis spät seiner mühseligen Feldarbeit nachging.

Eines Tages machte sich der Bauer wie gewohnt nach der Feldarbeit auf den Heimweg. Da entdeckte er einen Schädel, der am Wegesrand im hohen Gras lag. Der Bauer wendete im Vorbeigehen seinen Kopf und richtete seinen Blick kurz auf den Schädel, ging aber achtlos an ihm vorüber.

Als der Bauer weitergegangen war, da rief ihm der Schädel hinterher: “He, Bauer, warum hast du mich nicht mitgenommen?!” Der Bauer aber beachtete ihn nicht. Beim zweiten Mal blieb der Bauer überrascht stehen, machte kehrt und ging zurück. Er beugte sich zu dem Schädel herunter, sah ihn erstaunt an, packte ihn mit beiden Händen, hob den Schädel auf und wickelte ihn in ein Tuch, das er zu einen Beutel verknotete.
Mit seinem Knüppel, den der Bauer ständig bei sich trug, zerstieß er den Inhalt des Beutels zu Staub. Der Bauer packte das Tuch in die Satteltasche seines Maultiers und setzte seinen Heimweg fort. Zu Hause angekommen, hängte er den Beutel im Obergeschoss seines Hauses an einen Dachbalken. Dann aß er mit seiner Schwester zu Abend, danach gingen beide zu Bett. 

Am nächsten Morgen wachte der Bauer wie gewohnt kurz vor Sonnenaufgang auf und begab sich wieder an die Arbeit auf seinem Feld. Seine Schwester machte sich am Vormittag daran, den Teig für ein neues Brot vorzubereiten. Dafür brauchte sie Salz, das sie aber nicht finden konnte. Also machte sie sich im ganzen Haus auf die Suche, es zu finden. Nach längerer Suche entdeckte sie im Obergeschoss den Beutel, der an dem Dachbalken hing. Sie ergriff  den Beutel und öffnete ihn. 
Mit einem Finger probierte sie von dem salzähnlichen Pulver und bemerkte an dem eigenartigen Geschmack, dass es kein Salz war. Stark verwundert verschloss sie den Beutel wieder und hängte ihn zurück an den Balken.

Es vergingen vier Monate und der Bauer bemerkte, dass der Bauch seiner Schwester immer dicker wurde. Da fragte der Bauer seine Schwester:
“Sag, Schwester, hast du etwas vor mir zu verbergen, gibt es ein Geheimnis?”
Erstaunt über diese Frage antwortete die Schwester: “Nein, Bruder, ich habe gar nichts zu verbergen. Es gab nur eine einzige Besonderheit , die sich in der vergangenen Zeit zugetragen hat – ich habe den Beutel, der am Dachbalken hängt, heruntergenommen, um zu sehen, ob ich darin etwas Salz zum Backen finden könnte. Daher habe ich von dem Pulver probiert!”

Da drohte der Bauer seiner Schwester: “Oh, Schwester, du erwartest ein Kind. Wenn du es nicht durch den Mund zur Welt bringst, so muss ich dich töten!”

Während die Schwester die kommenden Monate verängstigt alleine zu Hause zubrachte, ging der Bauer weiterhin wie gewohnt seiner Feldarbeit nach, ohne in dieser Zeit mit seiner Schwester zu sprechen.

Es waren bereits neun Monate vergangen, da aßen der Bauer und seine Schwester nach einem anstrengenden, arbeitsreichen Tag schweigsam zu Abend. 

Plötzlich erbrach die Schwester das Kind durch den Mund, das blutverschmiert auf den Abendtisch fiel. Daraufhin warf der Bauer das Neugeborene achtlos vor die Haustür und beide gingen zu Bett. 
Als der Bauer sich am nächsten Morgen auf den Weg zu seinem Feld machte, rief ihm das Kind hinterher und fragte: “He, Bauer, warum nimmst du mich nicht mit?”
Der Bauer aber bemerkte das Kind nicht und so wiederholte es seine Frage: 
“He, Bauer, warum nimmst du mich nicht mit?”
Verblüfft sah der Bauer das Kind an und sagte: “Also gut, ich nehme dich mit!”

Der Bauer nahm das Kind, setzte es mit zu sich auf sein Maultier und sie gingen gemeinsam zum Feld. Am Acker angekommen begann der Bauer sofort mit der Feldarbeit, während  das Kind vergnügt am Feldrand spielte. Da sah das Kind in der Ferne einen Ritter, der sich dem Feld näherte. 
Da fragte das Kind den Bauern: “was will der Ritter hier in dieser Gegend ?” Der Bauer zuckte verwundert mit den Schultern und sagte beiläufig, dass er es nicht wisse. Da erzählte das Kind dem Bauern, dass der Ritter einen Traum hatte und nun auf dem Weg zur Wahrsagerin sei, um seinen Traum deuten zu lassen.
Der Ritter kam am Feld vorbei und begrüßte den Bauern freundlich. Das Kind erwiderte den Gruß und sagte zum Ritter: “Ritter, du hattest einen Traum und bist auf dem Weg zur Wahrsagerin der Stadt, um deinen Traum deuten zu lassen.” 
Überrascht stimmte der Ritter dem Kind zu. Das Kind wies den Ritter darauf hin, dass er sich in Acht nehmen soll, da die Wahrsagerin eine Betrügerin sei und sagte: “Die Wahrsagerin wird zu dir sagen, dass du im Traum ein Licht erblickt hast und dieses Licht soll aber bei ihr zu Hause sein und nicht bei dir.” (Kuçik = Dreibein – Feuerstelle). Das Kind forderte den  Ritter eindringlich und sprach: “Du musst der Wahrsagerin sagen, dass das Licht bei dir sein soll, sonst verlierst du ein Gefäß, gefüllt mit Goldstücken.”
Daraufhin machte sich der Ritter auf den Weg zur Wahrsagerin in die nahe gelegene Stadt. 

Bei der Wahrsagerin angekommen sprach der Ritter, wie ihm das Kind riet und sagte: “ Wahrsagerin, ich erblickte im Traum ein Licht. Dieses Licht aber soll bei mir zu Hause sein!” 
Daraufhin wurde die Wahrsagerin böse und vor Zorn errötet fragte sie den Ritter aufbrausend: “He, Ritter, wer hat dir geraten, so zu sprechen?” Vor Schreck erstarrt erzählte der Ritter von der Begegnung mit dem kleinen Kind, das er bei dem Bauern auf einem Feld in der Nähe der Stadt angetroffen hatte. 
So schickte die Wahrsagerin ihren Diener zu dem Bauern, um das Kind zu kaufen und befahl mit erboster Stimme: “Diener ! Hol mir das Kind, töte es und sein Blut will ich trinken. Der Diener tat, wie ihm befohlen, ging zu dem Bauern und versuchte, ihn davon zu überzeugen, das Kind zu verkaufen. Der Bauer aber lehnte ab, obwohl ihm der Diener dafür sehr viel Gold bot. 

Da sprach das Kind zu dem Bauern: “verkauf mich, Bauer! Ihr könnt das Gold gut gebrauchen, denn ihr seid arm und müsst sonst schuften bis an euer Lebensende. Nehmt das Gold und ihr werdet davon glücklich leben bis an das Ende eurer Tage.” Daraufhin gab der Bauer nach und verkaufte das Kind. 

Der Diener nahm das Kind mit, versteckte es aber im Haus der Wahrsagerin, da er es aus Mitleid nicht töten konnte. So fing er einen Vogel, schnitt ihm die Kehle durch, füllte sein Blut in ein Glas und brachte es der Wahrsagerin. Die Wahrsagerin hob das Glas, trank das warme Blut in einen Zug bis auf den letzten Tropfen und war erleichtert. 

Eines Tages kam ein fremder Fischer in die Stadt und hatte einen schönen Fisch bei sich, der in den prächtigsten Farben glänzte. Die Bewohner kamen auf den Marktplatz, um diesen Fisch zu bestaunen. Auch der Prinz kam vorbei, der mit seiner Prinzessin im Schloss über der Stadt lebte, um sich das Spektakel anzusehen. Der farbenfrohe Fisch gefiel ihm sehr und er sagte zum Fischer: “He, Fischer, bringe deinen Fisch auch hoch zum Schloss , damit die Prinzessin ihn sehen kann.” 
Der Fischer tat, worum ihn der Prinz bat und im Schlosshof war ein großes Wasserbassin aufgestellt, in dem der Fisch umherschwamm. Die Prinzessin und ihre Dienerin sahen sich den Fisch an und waren über die schillernden Farben erfreut. 
Als der Fisch durch das Wasser schnellte, da spritzten einige Tropfen Wasser auf das Kleid der Prinzessin. Darüber war sie verärgert und fuhr den Fischer an: “Fischer, bring sofort diesen Fisch fort von hier.” 
Kaum hatte die Prinzessin es ausgesprochen, da lachte sie der Fisch aus.
Von diesem Vorfall enttäuscht, nahm der Fischer seinen Fisch und verschwand. 
Die Prinzessin ging zum Prinzen und trug ihm auf, herauszufinden, weshalb sie von dem Fisch ausgelacht wurde. 
Der Prinz ging zur Wahrsagerin  in die Stadt hinunter und beauftragte sie, herauszufinden, warum dieser Fisch gelacht hat. 
Da begann die Wahrsagerin zu weinen und klagte: “warum habe ich das Kind töten lassen. Es hätte mir diese Frage beantworten können.” Plötzlich erschien das Kind und sagte: “hier bin ich, ich bin nicht tot.” Die Wahrsagerin war erstaunt und erleichtert zugleich und nahm das Kind mit zum Prinzen. 
Der Prinz fragte die Wahrsagerin, ob sie die Wahrheit herausgefunden hatte. Die Wahrsagerin antwortete, dass dieses Kind ihnen diese Frage beantworten wird. 
Daraufhin forderte das Kind den Prinzen auf, eine Wassermelone herbeizubringen. Das Kind schnitt mit einem Messer ein Stück aus der Melone heraus, steckte das Messer in die Öffnung der Melone und verschloss sie wieder mit dem herausgeschnittenen Melonenstück. 
Das Kind sagte zu dem Prinz: “ ich werde dir zuerst eine Geschichte von deinem Großvater erzählen.” 
So beginnt das Kind, die Geschichte zu erzählen: “Dein Großvater hatte einen Kranich (Quling). Die Kraniche flogen im Schwarm ins Gebirge, um sich von der Hitze des Sommers abzukühlen. Der Kranich deines Großvaters hatte diesen Schwarm sehnsüchtig aus dem Fenster beobachtet. Dein Großvater bemerkte die Niedergeschlagenheit seines Kranichs und fragte ihn: “Kommst du im Herbst wieder zurück, wenn ich dich nun mit dem Schwarm in das Gebirge fliegen lasse?” Der Kranich nickte und antwortete: “Ja, ich komme im Herbst zurück.”

Im Herbst kam der Vogelschwarm zurück, aber der Kranich des Großvaters war nicht dabei. Dein Großvater war verzweifelt und weinte fortwährend. 
Eines Tages kam plötzlich ein Kranich und setzte sich auf seinen Arm. Er legte dem Großvater zwei Apfelkerne auf die flache Hand. Da befahl dein Großvater seinen Dienern, die Kerne im Schlossgarten zu pflanzen. Aus diesen beiden Kernen erwuchsen zwei kräftige Apfelbäume, wobei jeder Baum einen Apfel trug.
Einer der beiden Äpfel wurde früher reif, den der Diener sofort zum Prinzen brachte. Der Prinz schnitt ein Stück aus dem Apfel heraus und gab es seinem Maultier zu fressen. Als das Maultier dieses Apfelstück gefressen hatte, starb es. 
Daraufhin tötete er seinen Kranich und fluchte: “du bist mein Feind, du wolltest mich mit diesem Gift umbringen.”
Als der andere Apfel reif war, brachte der Diener ihn wiederum zum Großvater. Er schnitt wieder ein Stück aus dem Apfel heraus und gab es seinem alten Pferd zu fressen. Als das Pferd das Apfelstück gefressen hatte, da wurde es zu einem jungen Fohlen. 
Nun bereute der Großvater, dass er den Kranich getötet hatte, er konnte ihn aber nicht wieder lebendig machen.
Und jetzt werde ich die Geschichte deines Vaters erzählen. Das Kind erzählte also die Geschichte des Vaters: “dein Vater war Prinz und hatte  drei Minister. Alle Minister waren mit der Frau des Prinzen befreundet. 
Dein Vater machte sich täglich auf die Jagd. Jedes Mal ist er mit zwei Ministern unterwegs gewesen und einer blieb immer im Schloss zurück. Eines Tages sagten alle drei Minister zu seiner Frau: “Frau Gemahlin, töte deinen Mann, so haben wir dich immer ganz alleine für uns. Also versalzte die Frau das Essen ihres Mannes so stark, dass er verdursten würde, wenn er kein Wasser zu trinken bekommt. Als er seine Mahlzeit gegessen hatte, forderte er von seinen Ministern etwas Wasser, um seinen Durst zu stillen. 
Diese verweigerten ihm seinen Wunsch. Die beiden Minister gingen nach Hause und der Prinz ging los und suchte Wasser, um seinen Durst zu löschen. Da entdeckte der Prinz  eine Burg, von dessen hohem Turm etwas Wasser nach unten tropfte. Er stellte seine Tasse darunter, um sie mit Wasser zu füllen. Als sie gefüllt war, wollte er es hastig trinken.

Plötzlich kam ein Adler und stieß die Tasse um, bevor der Prinz sie greifen konnte. Vor Wut und Verzweiflung tötete dein Vater den Adler. 
Der Prinz entdeckte hoch oben auf der Burg eine Schlange, die ihr Gift nach unten tropfen ließ. Dein Vater bereute es sehr, dass er den Adler getötet hatte, aber er konnte ihn nicht wieder lebendig machen. 

Und nun essen wir gemeinsam die Melone und ich erzähle die Geschichte von dem Fisch. Das Kind fragte: “wo ist mein Messer?” ich weiß, dass ihr es versteckt habt. Gebt es wieder her.” Alle haben geantwortet: “wir haben dein Messer nicht gesehen.” Das Kind sagte wütend: “ich werde euch alle durchsuchen.” 

Da hat das Kind  den Prinzen, die Wahrsagerin und die Prinzessin durchsucht. Das Messer aber hat es nicht gefunden. Es blieb nur die Dienerin übrig. Die Prinzessin sagte: “ihr dürft mein Dienerin nicht durchsuchen.” 
Das Kind fordert die Dienerin auf, sich auszuziehen. Als sie ihre Kleider ausgezogen hatte, bemerkten alle, dass sie ein Mann war, der sich nur als Dienerin verkleidet hatte.

Am Ende fragte das Kind den Prinzen: “nun, war dein Großvater dumm, oder nicht?” Der Prinz stimmte zu und antwortete: “ja, es ist wahr, mein Großvater war dumm!”

Am Ende der Geschichte, die das Kind über den Vater des Prinzen erzählte, fragte es wiederum: “nun, war dein Vater dumm, oder nicht?” Daraufhin antwortete der Prinz: “ja, es ist wahr, mein Vater war dumm!”

Abschließend fragte das Kind den Prinzen: “was ist mit dir, Prinz, bist auch du dumm?” Da antwortete der Prinz etwas demütig: “ja, mein Kind, es ist wahr, auch ich bin dumm!”

 

 

 

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