"Kurdisch-Yezidische Lieder - Versuch einer Interpretation" von Hatab Omar

Kurdisch-Yezidische Lieder

 

Liebeslieder:

Polyglotte orientalische Poesie in metrischen Übersetzungen deutscher Dichter mit Einleitungen und Anmerkungen von D.H. Jolowicz

Leipzig

Verlag von Otto Wigand 1853

(In kurdisch-ezidischen Idiom verfasst und fast wörtlich übersetzt).

Mein Liebester bei uns zu Gaste war,
Ich knüpft´ ihm mein Armband in´s Lockenhaar,
Er sass auf dem Teppich von Khorassan,
Ich schaut´ ihn mit liebenden Augen an.
Für eine Locke aus seinem Haar,
Ich gäb´ ihm Hände und Augen gar,
Sollt´ er damit nicht zufrieden sein,
Ich gäb´ ihm auch das Herze mein.

Mein Liebester kam in Vaters Zelt,
Er ist der schönste Eziden – Held,
Mein Auge schickt ihm liebenden Gruss,
Er aber wollte gar einen Kuss,
Warum hab´ ich nicht den Kuss gegeben?
Ist doch so kurz das irdische Leben!

Aus Stambul ein böser Firman kam.
Schwer drückt uns die Hand des Islam,
Der Pascha mir den Geliebten nahm,
Und brachte ihn unter den Nisam,
Er war noch so jung, er schied so schwer,
Brich, Auge – du siehst ihn nimmermeher!

Mein süsses Liebchen dort an dem Brunnen steht,
von ihrem Busen der Duft der Nelke weht.
Auf ihre Lippen möcht´ einen Kuss ich drücken,
Sollt´ auch der Kreis – Chef mich nach Sibirien schicken.

Moritz Wagner

Vorbemerkung: In der Folge wird vielfach auf Phänomene der europäischen Geistesgeschichte verwiesen. Dies mag auf den ersten Blick einem ezidischen Gedicht nicht gerecht werden, jedoch ist nur so der Hintergrund zu berücksichtigen, vor dem Moritz Wagner das Gedicht in seine Muttersprache übersetzte.

Das ezidische Liebeslied erzählt vordergründig die Geschichte der zurückhaltenden Liebe eines Mädchens zu einem jungen Helden, die sich im Schutze des väterlichen Zeltes entwickelt und auch die Trennung durch widrige politische Umstände überdauert. Weitgehend hintergründig werden Ursachen für die Unmöglichkeit dieser Liebe ausgeführt. Die Schluss-Strophe ist entsprechend der Unvereinbarkeit beider Ebenen offen und lässt sich sowohl als sinnliche Erinnerung des Helden denken als auch als reale Wahrnehmung.

Sprachlich wirkt das Lied zunächst unauffällig: Die ersten drei Strophen sind aus der Sicht des liebenden Mädchens erzählt, dann erfolgt ein Wechsel in die Perspektive des Jünglings. Ausgeprägte, der europäischen Literatur vertraute Stilmittel fehlen weitgehend. Mit dem Paarreim wurde die einfachste Möglichkeit der Reimform verwendet, die hier wohl vor allem dazu dient, die Verbundenheit zwischen den Liebenden zum Ausdruck zu bringen. Diese wird durch die Anapher „Mein Liebester“ (Z. 1, Z. 9) zu Beginn der ersten beiden Strophen zusätzlich unterstrichen. Damit wird eine Erwartungshaltung aufgebaut, die in der dritten Strophe bewusst durchbrochen wird, um die abrupte Trennung zu verdeutlichen. Dennoch ist diese Strophe mit den beiden vorangegangenen durch die Bedeutung des Auges (Z. 4, Z. 11, Z. 20) verbunden.

Inhaltlich schildert die erste Strophe eine ebenso innige wie zarte Liebesszene, die von Gesten und Blicken lebt. Dennoch ist die zweite „hintergründige“ Ebene auch hier schon präsent: der „Teppich von Khorassan“ (Z.3), verweist auf die Provinz gleichen Namens, die während des 19. Jahrhunderts zwischen Russischem, Persischem und Osmanischem Reich umkämpft war. Das Vorhandensein des Teppichs in der Szenerie der ersten Strophe verweist zum einen auf die Betroffenheit der ezidischen Figuren des Gedichtes von diesem Grenzkonflikt, zum anderen verdeutlicht es die Einfachheit der dort herrschenden Verhältnisse, denn Khorassan ist eine Region, die von der Teppichherstellung für den Massenbedarf lebt. Auffällig ist weiterhin die Reihenfolge, in der die Liebende ihrem Geliebten „Hände und Augen“ (Z. 6) und erst dann ihr Herz anbietet. Diese kann einfach auf die Zurückhaltung des Mädchens zurückzuführen sein, kann aber auch eine Vorsicht aufgrund vorangegangenen Leidens andeuten.

Diese Doppeldeutigkeit wiederholt sich in der zweiten Strophe in der Frage: „Warum hab’ ich nicht den Kuss gegeben?“ (Z. 13). Auch dies kann sowohl als schamhafte Zurückhaltung gedeutet werden als auch als tiefergehende Bindungsangst. Die folgende Zeile „Ist doch so kurz das irdische Leben!“ spricht eher für letzteres. Möglicherweise ist die Sprecherin hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, das Leben zu genießen und der Angst, sich durch das Zulassen von Gefühlen verletzbar zu machen. Ein zweites mehrdeutiges Element in dieser Strophe ist das „Zelt“(Z. 9), das schlicht ein Symbol für nomadische Lebensweise sein, aber auch Flucht und Ruhelosigkeit beinhalten kann.

Die dritte Strophe ist, vermutlich bewusst, die inhaltlich dunkelste. „Stambul“ (Z: 15) ist wahrscheinlich eine Verballhornisierung von „Istanbul“, mit „Firman“ (Z. 15) werden Erlasse türkischer Sultane bezeichnet. Offenbar hat der in Istanbul residierende Sultan in seiner Eigenschaft als Kalif (religiöses Oberhaupt der Muslime) ein Gesetz erlassen, das die Eziden in arge Bedrängnis bringt. Welches Gesetz dies ist und wie die Bedrängnis aussieht, bleibt offen. In jedem Fall greift sie direkt in das Leben der Liebenden ein. Der Pascha (Offizier oder hoher Beamter des Sultans) zwingt sich des jungen Helden unter „Nisam“ (Z. 18), die militärische Befehlsgewalt. Auffällig ist ferner auch in diesem Zusammenhang wieder die negative Erwartungshaltung des Mädchens, das offenbar nicht damit rechnet, den Geliebten wiederzusehen.

Dies ist umso bemerkenswerter, als durch den Perspektivwechsel mit Beginn der vierten Strophe ganz deutlich wird, dass der junge Held nicht tot ist. Unklar ist jedoch seine Haltung dem Mädchen gegenüber. Er sieht sein „Liebchen“ (Z. 21) am Brunnen stehen, wir erfahren jedoch nicht, ob es mit dem Mädchen im Zelt identisch ist. Auch vom „Duft der Nelke“ (Z. 22) war zuvor nicht die Rede. Nur das Kuss-Motiv bleibt gleich (Z.12, Z. 23). Denkbar ist, dass es sich nicht um die Geliebte im Zelt handelt, der Held sich also umstandslos mit einer anderen Frau tröstet. In diesem Fall wäre die Gesamtaussage des Gedichtes eine allgemein menschliche: „Es lohnt nicht, auf einen Mann zu warten.“, „Männer können nicht treu sein“ oder etwas Ähnliches.

Hält man hingegen das Mädchen am Brunnen für das Mädchen im Zelt, so wäre die letzte Strophe Ausdruck der unverbrüchlichen Treue, die nicht nur Entfernung sondern auch die in „Sibirien“ (Z. 24) angedeutete Strafandrohung überdauert. Dafür spricht auch die symbolische Bedeutung der Nelke, die für Ehe und Liebe steht. Historischer Hintergrund ist möglicherweise, dass Khorassan inzwischen von Persien an Russland abgetreten worden ist. Bereits die Zaren des 19. Jahrhunderts verbannten politisch missliebige Untertanen nach Sibirien. Die Nelke war über ihre symbolische Bedeutung hinaus während der französischen Revolution das Erkennungszeichen des Adels, dessen Angehörige mit einer roten Nelke im Knopfloch die Guillotine bestiegen. Beides zusammen ermöglicht es meiner Ansicht nach, in der letzten Strophe außerdem ein Zeugnis unbedingten Widerstandswillens zu sehen, zu dem die Liebe befähigt. Diese Liebe wäre allerdings mit einer Geliebten belastet, die an die Möglichkeit der gemeinsamen Liebe nicht mehr glaubt (Z. 20: „Brich, Auge“). Auch dies ist Teil dessen, gegen das der Held Widerstand zu leisten hat.

 

 

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