Zwischen Skepsis und Annäherung

Westfalen-Blatt, 19.05.2010

von Ralf Meistes

Herford (HK). Das geplante ezidische Gemeindezentrum in Diebrock bewegt weiter die Gemüter. Mehr als 200 Menschen nahmen gestern Abend im Ratssaal an der Bürgerversammlung teil, zu der Bürgermeister Bruno Wollbrink eingeladen hatte. Über die ezidische Kultur sprach Hatab Omar, stellvertretender Vorsitzender der Ezidischen Akademie Hannover.

zwischen skepsis und annherung

 

 

Es entwickelte sich eine zum Teil sehr emotionale Debatte. Dabei hatte Baudezernent Dr. Peter Böhm gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich gemacht, dass sich die Stadt mit den Planungen des ezidischen Gemeindezentrums erst ganz am Anfang befinde: »Das gesamte Verfahren wird etwa ein Jahr dauern. In dieser Zeit haben Bürger mehrmals die Gelegenheit, ihre Einwände vorzubringen.«

Wie berichtet, interessiert sich die ezidische Gemeinde OWL für die seit fünf Jahren ungenutzte ehemalige Gaststätte Sahrmann an der Laarer Straße 207. Die Religionsgemeinschaft will die Gasträume künftig für Familienfeiern, vor allem Trauerfeiern nutzen.

Dabei soll bei Feiern die Teilnehmerzahl auf maximal 150 Personen begrenzt werden. Die Betriebszeiten wären auf 14 bis 22 Uhr beschränkt und dreimal im Monat sollen die Gasträume für Vereinsversammlungen genutzt werden. Nach jetzigem Baurecht wäre die Nutzung als Gemeindezentrum nicht möglich.

Einer Änderung des Flächennutzungsplans müsste unter anderem auch die Bezirksregierung zustimmen, über die Aufstellung des Bebauungsplans stimmen die Ratsmitglieder ab.

Vor diesen Entscheidungen steht allerdings ein langwieriges Verfahren, bei dem der Kreis, die Kirchen, die Landwirtschaftskammer, die Anwohner und weitere Beteiligte eingebunden werden.

Die Stadt werde mit der ezidischen Gemeinde einen so genannten Durchführungsvertrag abschließen. Darin werde unter anderem festgelegt, wie die Betriebszeiten des Gemeindezentrums sind und wie viele Personen maximal an Veranstaltungen teilnehmen können.

»Wir dürfen in diesem Vertrag aber nicht festlegen, an wie vielen Tagen im Jahr gefeiert wird oder ob dort auch Hochzeitsfeiern stattfinden«, betonte Dr. Böhm. Letzteres schloss Behiye Ekinci, Vorstandsmitglied der Ezidischen Kulturgemeinde OWL, aus: »Es wird dort keine Hochzeitsfeiern geben.«

Bedenken äußerten Anwohner aus Laar bezüglich möglicher Lärmbelästigung sowie der bereits jetzt angespannten Verkehrssituation an der Laarer Straße. Bürgermeister Wollbrink und Baudezernent Dr. Böhm versicherten, dies werde alles im Rahmen des bevorstehenden Verfahrens geprüft. Für Skepsis haben bei einigen Anwohnern auch Berichte aus dem benachbarten Bad Salzuflen gesorgt, wo eine von Eziden betriebene Festhalle nach Anwohnerprotesten geschlossen wurde (wir berichteten). In Salzuflen sei die Halle gewerblich genutzt worden, in Herford gehe es um das Gemeindezentrum eines Vereins, stellte Böhm klar. »Man kann hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.«

Anwohner Wilfried Schmieder wies auf das zunächst in Elverdissen geplante ezidische Zentrum hin: »Damals war von einer Nutzung von bis zu 400 Personen die Rede. Jetzt sollen es nur noch 150 sein. Ist die ezidische Gemeinde geschrumpft oder war das nur ein Trick, weil die Auflagen damit nicht so hoch sind?«

Bürgermeister Wollbrink betonte, dass die Stadt darauf achten werde, dass die Auflagen erfüllt werden. Marita Brünger berichtete von einer ezidischen Trauerfeier, die jüngst im Gemeindehaus in Herringhausen stattgefunden hat. Alles sei ruhig verlaufen, obwohl mehr als 100 Leute teilgenommen hätten.

Über die ezidische Kultur sprach Hatab Omar, stellvertretender Vorsitzender der Ezidischen Akademie Hannover. Er erinnerte an die Eziden, die in den 60er Jahren als Gastarbeiter und in den 80er Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland und in andere europäische Länder kamen. An die ezidischen Zuhörer gewandt, sagte Omar: »Wir müssen kooperativ mit den deutschen Nachbarn und Behörden zusammenarbeiten.«

»Wir sind noch lange nicht am Ende«, zog Bürgermeister Wollbrink nach etwa zweistündiger Debatte eine erste Bilanz. Der Verwaltungschef schloss die Bürgerversammlung mit dem Appell, den Dialog fortzusetzen - ungeachtet aller Sorgen und Vorbehalte: »Denn nur wenn wir miteinander reden, kommen wir weiter.«

 

 

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