Stellungnahme der Ezidischen Akademie zu den Vorfällen in Detmold und Stolzenau

In den letzten Wochen haben zwei Vorfälle, an denen Eziden (Yezidi, Jesiden) beteiligt waren, großes Aufsehen in der deutschen Öffentlichkeit erregt: In Remminghausen, in der Nähe von Detmold, wurde am 01.11.2011 die 18-jährige Arzu Ö. von ihren Geschwistern entführt, weil sie sich in einen deutschen jungen Mann verliebt hatte; es ist zu befürchten, dass sie umgebracht wurde. Im niedersächsischen Stolzenau wurde die 13-jährige Zozan B. von ihrem Vater erschossen, weil sie wegen Problemen mit ihren Eltern das Elternhaus verlassen hatte.

Beide Gewalttaten werden von der Ezidischen Akademie aufs Schärfste verurteilt. Es gibt für derartige Taten keine Rechtfertigung und keine Beschönigung. Auch die ezidische Religion verurteilt derartiges Vorgehen. Beide Taten sind der ezidischen Religion völlig fremd. Auch im Ezidentum ist das Leben das höchste Gut und ist von jedem zu achten; das Ezidentum kennt keinerlei Rechtfertigung für derartige Taten. Gewalt lässt sich nicht mit den Inhalten der ezidischen Religion rechtfertigen. Der ezidischen Religion ist Mord „aus Gründen der Ehre“ oder sonstigen Gründen völlig fremd. Mord bleibt Mord.

Wir fordern alle Eziden, insbesondere die religiösen Würdenträger, die Mitglieder der ezidischen Vereine in der BRD und sonstigen Verantwortlichen in der ezidischen Gesellschaft,  auf,  sich ebenfalls deutlich von derartigen Untaten zu distanzieren und sie als das zu verurteilen, was sie sind: Morde, die durch nichts zu rechtfertigen sind. Insbesondere Eziden selbst dürfen durch Schweigen nicht den Eindruck vermitteln, als ob sie die Taten auch nur ansatzweise rechtfertigen. Nur durch die Verurteilung derartiger Taten kann der Öffentlichkeit vermittelt werden, dass Toleranz und Achtung anderer Menschen, Meinungen und Religionen die höchsten Werte der ezidischen Religion sind.  

In diesem Zusammenhang weisen wir auf die Aussage des weltlichen Oberhauptes der Eziden, Mir Tahsin Said Ali Beg, vom 27.04.2007 zur Steinigung eines ezidischen Mädchens in Bahzan/Kurdistan hin, in der dieser deutlich erklärte: „Solche abwegigen und menschenverachtenden Handlungen haben mit dem Ezidentum nicht zu tun. Die ezidische Religion verabscheut Gewalt in allen ihren Formen. Niemals darf Gewalt im Namen der Religion als Mittel gegen Andersdenkende eingesetzt werden oder dürfen andere Menschen getötet werden. Mord und Totschlag sind dieser friedlichen Religion fremd“ und die Verantwortlichen müssen vor ein Gericht gestellt werden, „um ihre angemessene Strafe zu erhalten.“

Wir fordern in diesem Zusammenhang auch alle Verantwortlichen in den deutschen Strafverfolgungsbehörden und in der deutschen Justiz auf, die Taten mit der vollen Härte des Gesetzes zu ahnden. Insbesondere die Rechtsprechung der deutschen Gerichte darf keine vorgeschobenen kulturellen oder gar angebliche religiöse Gründe als  Rechtfertigungsgründe oder mildernde Umstände akzeptieren, wie dieses in der Vergangenheit leider passiert ist.     

Die Folgen der beiden Vorfälle sind bereits jetzt zu spüren. Wieder einmal wird die ezidische Religionsgemeinschaft, die vielleicht älteste monotheistische Religion als „finstere Sekte“  mit „Zwangsregeln und archaischen Stammesgesellschaften“ verunglimpft; regionale Tageszeitungen wie das Westfälische Volksblatt schildern die Eziden in der Berichterstattung über die beiden Taten als „archaisch“ und gewaltbereit. Wir fordern die Journalisten und Berichterstatter der seriösen Zeitungen auf, die Berichterstattung über die Vorfälle nicht zur pauschalen Diskriminierung der gesamten ezidischen Religionsgemeinschaft und zur letztendlich doch rassistisch anmutenden Hetze  zu nutzen. Niemandem fiele es ein, auf Grund von Einzelfällen, Deutsche, Österreicher oder Belgier  in ihrer Gesamtheit als Triebtäter, Mörder, Diebe oder Entführer zu diffamieren. Die Zahl der Straftäter, Mörder und Entführer dürfte in der ezidischen Gesellschaft nicht höher liegen als in der deutschen.   

 

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