Zweites Frühstück bei den "starken Frauen"

von Virginia Apel

Nach meinem Besuch in Oktober bin ich wieder dabei im Kulturzentrum Garbsen mit Hatun Tuku und ihrer Gruppe starker ezidischer Frauen.  Heute sind alle Stühle besetzt, weil wir heute einen besonderen Gast haben: Dr. Christel Hasselmann, Religionswissenschaftlerin, Studienrätin und Vorsitzende des Fachverbands Werte und Normen in Niedersachsen e.V.  Sie ist hier, um über Schulunterricht und über ihre Erfahrung mit Initiativen für Schüler mit Migrationshintergrund in Garbsen zu reden.  Der Tag ist wieder kalt und grau.  Aber tobende Kleinkinder, heißer Tee und leckeres selbstgebackenes Fladenbrot und Gebäck schaffen wieder eine warme und lebendige Runde.

Christel Hasselmann ist seit 38 Jahre Lehrerin an einer Garbsener Schule. Durch ein weiteres Studium ist ihr zweites Standbein – und ihre Leidenschaft – die "Religionswissenschaft". Sie beschreibt ihre Aufgabe im Fach "Werte und Normen" als ein Art "Dolmetscherin zwischen den Religionen". Durch ihre Lehre, Lebenserfahrung und neutrale Haltung zu den Religionen hat sie die besondere Fähigkeit, allen beizubringen, sich unter einander zu verstehen.

Frau Hasselmann erzählt von der Gründung eines Runden Tisches vor 4 Jahren in Garbsen: Gemeinsam mit der ”Vereinigung der Türkischen Eltern in Garbsen und Umgebung”, gründete sie diesen Runden Tisch als Antwort auf die schwachen Schulleistungen türkischstämmiger Schüler. Der Runde Tisch hat das Ziel, Maßnahmen und Akti¬onen zu entwickeln zur Verbesserung der Bildungschancen von Neudeutschen in Kooperation mit der Stadt Garbsen und Schulleiterinnen und Schulleitern der Schulen, die einen hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund haben, Daraus entwickelte sich vor drei Jahren der ”Türkische Müttertreff der IGS Garbsen”, der Nachahmung an anderen Schulen der Umgebung fand.

Die türkischen Männer sagten selber, dass die Lösung des Problems, nämlich die Förderung ihrer Kinder, in den Händen der Mütter liegt.  Nur sie können etwas ändern.

Christel Hasselmann berät seit 3 Jahren den Mütterkreis. Im Mai findet das 18. Treffen des Kreises statt und obwohl die Zahl der Teilnehmerinnen schwankt, hat die Initiative schon sehr viel erreicht.

Die ersten Schritte zum Erfolg waren:

1) es wurde aufgelistet, was die Mütter verändern wollen mittels Kommunikation mit der Schulleitung

2) es wurde ebenso aufgelistet, was sie glauben, was die Lehrkräfte von ihnen erwarten

3) ein Deutsch-Konversationskurs für Frauen wurde gegründet

Die Ergebnisse:

1. Die innerschulische Kommunikation wurde verbessert

2. Bildung hat einen größeren Stellenwert bekommen

3. Gegenseitige Rücksichtsnahme hat einen Stellenwert bekommen

4. Weitere Aktivitäten außerhalb der Schule wurden entwickelt:

Das Projekt läuft erfolgreich unter muslimischen Frauen und jetzt will Frau Hasselmann dies mit der Initiative der ezidischen Frauen zusammenführen.  Es darf nur nicht über Religion oder Politik geredet werden – nur über die Förderung der Bildungschancen der Kinder.

Wie ist die Situation der ezidischen Frauen, die heute anwesend sind?

Sie sind überwiegend junge Frauen, mit zwischen 2 und 6 Kindern.  Sie sind aus vielen nahöstlichen Ländern vor Verfolgung geflohen. Da es nicht erlaubt war, als Mitglied einer nicht-muslimischen Minderheit die Schule zu besuchen, sind sie ohne Bildung. Sie können nicht schreiben und lesen und sie sprechen kaum Deutsch. Und sie werden auch hier als Nicht-Muslime benachteiligt.

Das Geld und die öffentliche Aufmerksamkeit von Politikern und Schulleitern fließt oft zu den Problemfällen, und sie sind meistens unter den muslimischen Familien, die einen anderen Glauben, ein anderes Gedankensystem und eine andere Familienstruktur haben. Bei den Eziden z. B. sind Männer und Frauen gleich gestellt und Eziden sind vom Glauben her eher fähig, sich an andere kulturell anzupassen. Türkische Jungen sind ein Problem aus kulturellen Gründen.

Die Frauen sprechen vom Herzen:

"Ja. Unsere Religion sagt, dass wir allen Gutes tun sollen. Unsere Religion ist eine Art "Werte und Normen".  Wir waren gezwungen, hierher zu kommen.  Wir waren unterdrückt.  Wir waren nie frei und wir sind hierher gekommen wegen der Gefahr in unserer Heimat. Wir wissen, dass wir Gäste hier sind.  Wir möchten etwas tun.  Wir möchten Deutsch lernen und wir möchten, dass unsere Kinder eine gute Zukunft hier haben."

Frau Hasselmann dazu:  "Ihr bringt aber vieles mit Euch:  Weisheiten, Kinder, Herzlichkeit. Wir sehen das als Chance statt als Problem für unsere Gesellschaft."

Aber jedes dritte Migrantenkind hier verlässt die Schule ohne Abschluss.  Das wird als Problem gesehen.

"Es ist ein großes Verbrechen, dass wir Frauen nicht gelehrt werden.  Wir brauchen doppelte Unterstützung, wenn wir unsere Kinder fördern möchten!  Wie können wir lernen? Wir bekommen keine Kindergarten-Plätze.  Die elementarste Unterstützung fehlt."

Zurück zum "Runden Tisch:"

Frau Hasselmann: "Wir brauchen Sozialpädagogen mit Migrationshintergrund  in den Garbsener Schulen.  Wir hatten eine Projekt-Skizze entworfen, einen Antrag für 10 Sozial¬pädagogen gestellt.  Es hätte die Stadt Garbsen nichts gekostet.   Der Antrag sollte weiter zur Region, zum Land, zum Bund und zum EU-Sozialfond geschickt werden, aber er wurde nicht weiter gegeben.  Und das Projekt, u.a. auch kurdisch–deutsche Pädagogen einzustellen, ist gescheitert."

Die Frauen:  "Weil kein Geld für Förderung da ist, brauchen wir Hilfe zur Selbsthilfe. Auch Kurse vormittags an der VHS wären eine Möglichkeit, wenn Kinderbetreuung vorhanden wäre.  Unsere Kleinkinder sollten unter deutschen Kindern aufwachsen. Kinder lernen Sprachen sehr schnell von einander.  Mittwochs beim Frauentreffen im Kulturtreff  Garbsen brauchen wir einen extra Raum während des Sprachunterrichts. Sonst kann man sich unmöglich konzentrieren und  lernen!"

"Gemeinsam machen wir dieses Model nach - selbst organisiert."

"Wir sind selbstbewusste Frauen. Wir wissen, was wir tun müssen für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder!"

 

 

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