"Yezidi" von Frater Eremor

Die Yeziden sind jenes legendäre Volk Kurdistans, das Karl May in seinem Buch „Durchs wilde Kurdistan“ vorstellt und über das sich immer wieder gerade und auch in Büchern über „moderne“ Magie, von Crowley bis LaVey, Beiträge finden. Sogar einige linkshändige magische Orden berufen sich auf die Überlieferung der Yezidenmagie.

Die meisten Yeziden selbst finden es vollkommen absurd, in Zusammenhang mit Satanismus gebracht zu werden und tragen selbst alles dazu bei, dass der arabische Begriff für Satan, „Scheytan“, aus dem Sprachschatz verschwindet. Ein verbotenes Wort. Selbst Worte, die ähnlich klingen wie Iblis, Satan, Sheytan wurden verbannt. Ob dies freilich daran liegt, dass die Yeziden nichts mit der Figur des Scheytan zu tun haben wollen, denn dies ist ja lediglich ein Name, den Adam dem Engel Pfau gegeben hat, oder ob es nicht doch eher aus einer Strategie der Tarnung herrührt, gewisse Schlagworte zu vermeiden, die den Yeziden bei ihren muslimischen und christlichen Nachbarn nicht unbedingt Freunde machen würden, sei der Fantasie des Lesers überlassen.

Dass dennoch den wilden Geschichten, die sich um die Yeziden ranken, ein wahrer Kern zugrunde liegt, soll dieser Abschnitt aufzeigen und damit einige Informationen nachliefern, die in den anderen Veröffentlichungen, die ich kenne, meist fehlen. Auf der anderen Seite soll hier ein Lanze gebrochen werden für das Selbstverständnis der Yeziden, das aussterbende Volk der Schweißgeborenen, der Kinder des Engels Pfau, die dem Vorwurf, Teufelsanbeter zu sein, oft absolut fassungslos gegenüberstehen.

Da die Quellenlage zu den Yeziden auf der einen Seite zwar überschaubar, auf der anderen Seite allerdings oftmals völlig widersprüchlich ist, sind religionswissenschaftlichen, theologischen, politischen und soziologischen Spekulationen von Freund und Feind der Yeziden natürlich Tür und Tor geöffnet. Da dies kein wissenschaftlicher Artikel ist und ich selbst weder studierter Religionswissenschaftler, noch Yezide bin, hoffe ich sehr, nicht allzu oft auf die in den Augen des Lesers „falschen“ Quellen vertraut zu haben.

Die Herkunft der Bezeichnung „Yezide“ ist vollkommen ungeklärt. Möglicherweise geht der Name auf das Jahr 680 unserer Zeitrechnung und den Kalifen Yazid I. zurück, der unter den Yeziden als Reformator ihrer Religion gilt. Yazid I. übernahm das Kalifat von seinem Vater, doch Husain, der Sohn Alis, versuchte, das Kalifat gewaltsam unter sich zu bringen. Doch er verlor die Schlacht bei Kerbela im heutigen Irak und verlor dort auch selbst sein Leben. Daher liegt in Kerbela heute eine berühmte Pilgerstätte, das Grab des Imam Husain, eines der größten Heiligen der Aleviten und der schiitischen Moslems.

Als Abdullah bin Zubair das Kalifat in Mekka und das sunnitische Heiligtum Kaaba übernahm, war er fest davon überzeugt, dass die umayadischen Truppen unter Yazid I. nicht in die heilige Stadt einfallen würden, denn dies wäre einer Entweihung gleichgekommen. Er irrte sich. So gilt Yazid I. bei Aleviten und Schiiten als Mörder des großen Imam Husain und auch die Sunniten hassen ihn als „Gottlosen“, da er die Kaaba in Brand setzte. Daher ist es naheliegend und nachvollziehbar, dass ein Volk, das sich Yeziden nennt, als Minderheit in einem islamischen Umfeld Probleme bekommt.

Die Yeziden lebten ursprünglich in einem sehr großen Gebiet, welches sich heute in den Irak, die Türkei, Armenien, Syrien und den Iran erstreckt. Durch diese Staatsgrenzen wurden die Yeziden voneinander getrennt, das zentrale Heiligtum aller Yeziden liegt im Irak und ist für die meisten Yeziden mittlerweile unerreichbar. In allen fünf Staaten, in denen Yeziden ursprünglich gelebt haben, wurden sie verfolgt, ausgegrenzt und unterdrückt, ihre Religion und ihre Tradition erstickt und in vielen Fällen führte dies bis zu Gewaltexzessen, die viele tausend Yeziden das Leben kostete. Da die Yeziden sich als das auserwählte Volk des Engels Pfau, des Melek Taus sehen, fanden sie über die Jahrhunderte viele Möglichkeiten der Tarnung, damit ihre religiöse Identität überleben konnte. Auf der anderen Seite ist eine in Existenz und Religion bedrohte Minderheit darauf angewiesen, stärker am Kult und den heiligen Symbolen und Traditionen festzuhalten, um sie überhaupt zu erhalten. Da die Yeziden an Seelenwanderung und Wiedergeburt glauben, durch die der Mensch jeweils gemäß seiner Taten im vorhergehenden Leben als ein höheres Wesen reinkarniert, ist das Symbol des Kreises eines der heiligsten Zeichen der Yeziden überhaupt. Im Gegensatz zu anderen Religionen bekennen sich die Yeziden jedoch mit Nachdruck zu dieser Welt, die erhalten und ausgestaltet werden will und nicht als biblisches „Jammertal“ nur möglichst schnell durchschritten werden muss. Sie wollen nicht den Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen und eines Tages eins werden mit dem göttlichen Licht. Dies unterscheidet sie maßgeblich von den mystischen Traditionen des Westens, sowie vom Buddhismus und dem Hinduismus. Der Ausspruch „Endloses Weltenspiel, Welt ohne Ende“ könnte dem yezidischen Gedankengebäude entstammen. Es gibt im yezidischen Glauben kein Ende der Welt. Alle tausend Jahre (siehe das christliche Bild des tausendjährigen Friedensreiches, an dessen Ende der Satan auf die Erde kommt (Offenbarung des Johannes)) kommt ein Gesandter des Melek Taus auf die Erde und bringt diese wieder auf den rechten Weg. Während der tausend Jahre entfernen sich die Menschen immer weiter vom Ursprung, indem sie sich von diesem emanzipieren. Die Welt regeneriert sich immer wieder auf’ s Neue zum einen durch den Bund Gottes mit Melek Taus, zum anderen durch die Zeremonien und Taten des auserwählten Volkes, dass damit ein erhaltendes Volk der ewigen Wiederkehr und des Kreislaufs ist.

Auch Melek Taus soll einst einen Kreis um die Yeziden gezogen und zu Gott gesprochen haben: „Siehe, dies ist mein Volk.“

In früheren Zeiten zogen Moslems oft einen Kreis um einen Yeziden. Diesem war dieses Symbol heilig, ein übertreten des Kreises wäre für ihn gleichzusetzen gewesen mit dem Übertreten der eigenen Religionstabus, einem Heraustreten aus der yezidischen Gemeinschaft in den islamischen Glauben, quasi eine Zwangsbekehrung. Sein Yezidentum und seine Entfaltung als Erwählter des Melek Taus, der schon einmal einen Kreis um sein Volk zog, sind nur innerhalb des Kreises des Yezidentums möglich. Somit sahen viele Yeziden das „Einkreisen“ durch Moslems als Prüfung und verharrten solange in dem Kreis, bis dieser von dem Moslem wieder weggewischt wurde. Angeblich blieben viele Yeziden bis zu ihrem Tod in den Kreisen stehen, da sie lieber starben und später „erhöht“ reinkarnierten, als ihre Identität als Yezide zu verraten und aus dem Kreis zu treten. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie sich früher in den Dörfern, in denen nur wenige Yeziden lebten, die islamischen Kinder und Halbstarken einen Spaß daraus machten, um die Yeziden einen Kreis in den Staub zu ziehen.

1992 – 1993 wurden die yezidischen Familien endgültig aus dem türkischen Bereich Kurdistans vertrieben, doch die Verfolgung setzte bereits zu Zeiten des osmanischen Reiches ein und fand neue Höhepunkte seit der Gründung der türkischen Republik 1923. Im demokratischen türkischen Staat genossen und genießen die Yeziden keine bürgerlichen Rechte, in ihren Ausweispapieren sind sie mit einem Kreuz gekennzeichnet, denn sie sind in den Augen des Staates „schlimmer“ als die ebenfalls verfolgten Kurden, da sie noch nicht einmal zum Islam gehören. In Deutschland werden die emigrierten Yedizen schlicht als „Türken“ geführt. Als 1984 viele Kurden, mit denen sich die Yeziden ihre Sprache teilen, in der PKK den bewaffneten Kampf zur „Befreiung“ Kurdistans begannen, bewaffnete die türkische Regierung sogenannte Dorfschützer, die gegen die PKK kämpfen sollten. Die Mehrheit der Yeziden und Aleviten, die so instrumentalisiert werden sollten, lehnten diese „Zwangsbewaffnung“ ab, was zur Folge hatte, dass die neugeworbenen regierungsloyalen Dorfschützer ihre Waffen eher dazu nutzten, die Minderheiten zu vertreiben und das Land der bäuerlich lebenden Yeziden zu beschlagnahmen. Nach dem Lausanner Abkommen von 1923 zählen die Yeziden nicht zu den Minderheiten, haben somit auch keine Sonderrechte und keinen Schutz erhalten. Bis heute gibt es keine verlässlichen Erhebungen, wie viele Yeziden es gab oder gibt, auch die emigrierten Yeziden in Deutschland werden zahlenmäßig nicht erfasst. Man geht jedoch davon aus, dass der überwiegende Teil der aus der Türkei geflohenen Yeziden mittlerweile in Deutschland lebt, die vermutlich größte Yezidengemeinde weltweit existiert mittlerweile bei Celle.

Die Verfolgung und Diskriminierung der Yeziden beruht ausschließlich auf ihrer Religion. Das Yezidentum gehört nicht zu den klassischen Buchreligionen und besitzt keine feste Struktur. Es entwickelte sich in den verschiedenen Provinzen Kurdistans und der angrenzenden Länder teilweise sehr unterschiedlich, da der ständige Austausch unter den Yeziden fehlte. Auch ein Religionsstifter oder eine ähnliche historische oder mythische Figur ist nicht bekannt, das gesamte Yezidentum ist daher durch eine gewisse Unschärfe, wohlgemerkt ist hier nicht Beliebigkeit gemeint, geprägt. Dies ist unter Umständen eine Äußerlichkeit, dass die Yeziden tatsächlich mit modernen magischen Strömungen gemeinsam haben: Keine homogene, strikt durchstrukturierte Glaubenslehre und –struktur. Es mag darüber hinaus eine Folge der langen Verfolgung sein, dass die Yeziden in der Lage sind, ihre Geschichte anhand ihrer gegenwärtigen Situation immer neu zu entwerfen. Je nachdem, in welchem Land sie leben, welche sozialen und politischen Bündnisse sie eingehen, verändert sich auch ihr Geschichtsentwurf. So gehen sie angeblich auf den Manichäismus, auf den Zoroastrismus, auf den Mithraskult, auf den Sufismus, das nestorianische Christentum oder das Judentum zurück, sind Anhänger von Yazid I. oder alles gleichzeitig, oder einige Herkünfte in Kombination oder keins von alledem, ganz nach individuellen oder kollektiven Umständen neu „entschieden“. In Deutschland sind die Yeziden zur Zeit in zwei Dachverbänden organisiert, der eine ist der Ansicht, dass ihre Religion auf das Zarathustratum zurückgeht, die Mitglieder des anderen Dachverbandes lehnen diese These strikt ab. Dass der erstgenannte Dachverband versucht, die Nähe zu den Kurden zu suchen soll hier gemeinsam mit der Tatsache, dass die PKK der Meinung ist, dass die Meder und der Zarathustra-Kult die gemeinsame Herkunft aller Kurden darstellen, eine politische Facette um den bewaffneten Kampf um die Freiheit Kurdistans anreißen. Dies können und werden wir hier jedoch nicht weiter vertiefen.

Auch die mystisch-religiöse Erfahrung eines Einzelnen kann in der Lage sein, wiederum ein neues Geschichtsbild zu entwerfen. Obschon es zwei Grundlagenwerke gibt, spielt das geschrieben Wort bei der Religionsausübung der Yeziden nahezu keine Rolle. Dies hat mehrere Gründe, auf die wir später noch eingehen werden.

Das Yezidentum ist in verschiedene Kasten aufgeteilt, die Kaste der Schechs, die im yezidischen Glauben direkt von den Engeln abstammen, stellt die politischen und religiösen Oberhäupter der Yeziden. Der höchste Priester der Yeziden trägt als Zeichen seiner Macht eine Axt, die möglicherweise noch auf den hurritisch-hethitischen Götterkult um den Gewittergott Teschup zurückgeht, der von vielen Wissenschaftlern mit dem ägyptischen Seth in Verbindung gebracht wird.

Einen besonderen Status haben die Quewwals, die nach den Texten benannt wurden, die sie in den yezidischen Dörfern rezitieren. Die Quewwals leben im größten Heiligtum der Yeziden, jenem Ort, der vor der Schöpfung war und an dem Gott im einunddreißigsten Jahr weilte, nachdem er dreißig Jahre lang das Urmeer befahren hatte: Lalish im heutigen Nordirak. Dort befindet sich das Grabmal von Scheich Adi (1072 - 1162 e. v.), der als Inkarnation des Melek Taus gilt, in einer Höhle. In dieser Höhle entspringen die heiligen Wasser des Lebens und dort befindet sich als Altar ein schwarzer Monolith. Am Eingang der Höhle wurde eine schwarze Schlange als Schwellenhüterin zum Jenseits eingemeißelt, vor der sich jeder Yezide, der die Höhle betritt, verneigt. Dieser Schlange kommt, ähnlich wie der in den Unterweltsbüchern der Ägypter als schwarze Schlange dargestellten Schwellengöttin Nephtys, kein eigener Kult zu. Gleich daneben befindet sich eine weitere Höhle, hier steht der goldene Thron, auf dem sich Melek Taus von Zeit zu Zeit niederlässt und seinen hohen Eingeweihten Mitteilungen macht. Dieser Thron steht auf vier kleinen Säulen, die wahrscheinlich die Elemente repräsentieren und ist umgeben von sieben Stäben mit sieben Kugeln, die wohl für die sieben Planeten stehen. Melek Taus befindet sich in der Unterwelt und hütet die Quellen des Lebens, auf seinem Rücken trägt er die Welt, sein Pfauenrad zeigt den Lauf der Gestirne über den Himmel. Doch Melek Taus ist der Engel Pfau, der aus der Unterwelt emporsteigt und den Menschen die Wasser des Lebens spendet.

In der Höhle wird auch der Sufi-Mystiker Mansur Al-Hallaj verehrt, der 922 e. v. hingerichtet wurde, weil er sich mit den Worten ana`l Haqq, was soviel heißt wie „ich bin die schöpferische Wahrheit“, angeblich zu Gott erklärt hat. Mansur Al-Hallaj wurde schon von Scheich Adi leidenschaftlich verehrt.

Die Quewwals besuchen die verschiedenen Dörfer, leiten religiöse Zeremonien und überliefern die alten Texte. Die Quewwals besetzen damit eine Schlüsselposition der yezidischen Religion, da sie es sind, die jene mündliche Überlieferung weiter tragen, auf der das Yezidentum basiert. Zwar gibt es auch zwei grundlegende „heilige Schriften“, das „Buch der Offenbarungen“ und das sogenannte „Schwarze Buch“. Da die ursprünglich in einer yezidischen Geheimschrift verfassten Originale jedoch verloren gegangen sind und das Studium der wenigen Abschriften, die inhaltlich teilweise stark voneinander abweichen, zunächst nur den Scheichs vorbehalten waren, spielte der Inhalt dieser Werke für den täglichen Kult eine untergeordnete Rolle. Wichtiger war die mündliche Überlieferung der Quewwals. Diesen Mythen werden wir uns im Folgenden zuwenden.

Viele der überlieferten Mythen und die meisten Abschriften des Schwarzen Buches stimmen überein, dass Gott aus sich selbst heraus eine weiße Perle und den Vogel Anfar erschuf. Der Vogel trug die Perle und Gott vierzigtausend Jahre umher. An einem Sonntag erschuf er den Engel Azazil (Azazel), dem später die Herrschaft der Welt übertragen wird und der dann Melek Taus genannt und als stolzer Pfau dargestellt wird. Bereits zu diesem frühen Punkt der yezidischen Genesis wird deutlich, woher die Verurteilungen der Yeziden als Teufelsanbeter kommen, verehren Sie doch scheinbar den Herrn der Welt, im Islam, dem Christen- und Judentum ein Beiname des Teufels. Während Azazel im Buch Henoch ein gefallener Engel ist, der den Menschen die Schmuck-, Waffen- und Schminkkunst brachte und die Juden den Sündenbock Azazel ins Meer oder in die Wüste jagen, verehren die Yeziden Azazil als Verwalter der Erde. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Gott des Pentateuch Moses Bruder Aaron Azazel einen Widder als Opfer bringen lässt, demnach die Feindschaft zwischen den beiden so groß nicht sein kann. Die Trennung der Yeziden zwischen passivem Schöpfergott, der ins Weltgeschehen nicht mehr eingreift und dem kein Kult geweiht ist und dem aktiven Verwalter lässt unmittelbar an die verschiedenen Strömungen und Ideenkomplexe der Gnosis denken. Aufgrund der Tatsache, dass viele Darstellungen des Engels Pfau auch einen Hahn darstellen könnten, drängt sich die Verbindung zum hahnenköpfigen Weltengott Abraxas der Gnosis auf.

Nachdem Gott Azazil erschaffen hat, erschuf er weitere sechs Engel, an jedem Wochentag einen und unterstellte sie dem Befehl Azazils. Danach erschuf Gott die Himmel, die Erde, die Gestirne, Tiere, Menschen und Ungeheuer. Gott schrie die Perle an und sie zerplatzte und Wasser sprudelte aus ihr hervor. Dann erschuf Gott ein Schiff und befuhr dreißig Jahre lang dieses Wasser. Im einunddreißigsten (!) Jahr ging er nach Lalish (das größte yezidische Heiligtum im heutigen nordirakischen Kurdistan) und schrie die Welt an. Das Wasser verfestigte sich. Aus Wasser, Erde, Feuer und Luft erschuf in einigen Versionen der Schöpfungsgeschichte Gott den Menschen, in anderen erschuf Melek Taus diesen. In beiden Varianten gab Gott dem Menschen von sich ein Stück Seele, jenen Funken des göttlichen Lichtes, um den sich die Mystiker aller Welt fortan bemühen sollten. Im Folgenden zog Gott sich von seiner Schöpfung zurück und überließ Melek Taus die Verwaltung und Herrschaft. Dieses wird in verschiedenen Geschichten tradiert, drei davon seien hier genannt:

I.) Adam und Eva lebten im Paradies, doch sie erkannten sich nicht als Mann und Frau. Melek Taus ging zu Gott und fragte ihn, wie sich die Menschen denn vermehren sollten, wenn sie sich nicht „erkennen“, wie dies die Tiere tun. Gott pflichtete Melek Taus bei und übergab diesem die Herrschaft über die Erde. Er nahm Adam und Eva aus dem Paradies und setzte sie auf die Erde, wo sie sich erkannten und vermehrten.

II.) Gott war so begeistert von den ersten Menschen, dass er seinem ersten und höchsten Engel Melek Taus befahl, sich vor den Menschen zu verbeugen. Dieser entgegnete: „Wie kann ich mich vor Adam erniedrigen, habe ich ihn doch selbst erschaffen? Das wäre, als wenn Du Dich vor mir erniedrigst, der Du mich geschaffen hast aus Deiner göttlichen Essenz.“ Doch Gott war erzürnt ob dieser Widerworte und vertrieb Melek Taus aus dem Paradies direkt in die Hölle. Die 2. Sure, v. 341 des Koran: „Und als wir zu den Engeln sprachen: Werft Euch nieder vor Adam, da warfen sich alle nieder bis auf Iblis. Er aber verweigerte es aus Stolz und wurde zum Ungläubigen.“

In der Hölle löschte Melek Taus die Feuer mit seinen Tränen und Gott sah ein, dass er keinen bedingungslosen Gehorsam erwarten konnte von seinen Geschöpfen und war sogar stolz (!) auf den Widerstand des Melek Taus. Danach übergab er Melek Taus wieder seine Würden als oberster Engel und Herrscher der Erde, zog sich selbst jedoch von der Erde zurück.

III.) Gott befahl dem Melek Taus, dass die Menschen sich vermehren sollten. Dies ging jedoch nicht im Paradies. Also lies Melek Taus die Geschlechtsorgane und den Anus entstehen, Adam und Eva konnten sich nun vermehren und scheißen. Da sie dies ja schlecht im Paradies tun konnten und „unrein“ in die paradiesischen Büsche zu kacken war sicherlich nicht gottgefällig, wurden sie auf die Erde gesetzt. Da der Wandlungs-Prozess der Menschen schmerzhaft war, beschimpften sie ihren Schöpfer Melek Taus als „Scheytan“.

In allen Varianten ist der Engel Pfau, Melek Taus, der Schlüssel, der es den Menschen ermöglicht, sich zu erkennen und fortzupflanzen, des Weiteren ist er derjenige, der den Menschen aus dem Paradies auf die Erde bringt. Dies ist nicht unähnlich den Geschichten von der Verführung durch Satan, dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies mit dem Unterschied, dass Melek Taus hier als gottgefälliges, wenn auch etwas widerspenstiges Wesen dargestellt wird. In jedem Fall wird jedoch deutlich, dass Melek Taus durchaus der gefallene Engel ist, der aufgrund seines Stolzes des Himmels verwiesen wird und „in die Hölle kommt“. Auch ist er der Auslöser der „Vertreibung“ des Menschen aus dem Paradies und wird von diesem zunächst Scheytan genannt. Somit wird der Vorwurf der Teufelsanbeterei verständlich, unterteilt sich die Welt doch im Islam und im Christentum in ein gutes und ein böses Prinzip. Sie sehen den Melek Taus als Widersacher, der dem bösen Prinzip gleichzusetzen ist, zudem die Yeziden ja auch einen dem christlichen Gott nicht unähnlichen Schöpfergott kennen, dem jedoch keine kultisch-organisierte Verehrung entgegengebracht wird. Die Yeziden differenzieren allerdings nicht in Gut und Böse als kosmische Prinzipien, sondern erkennen im Spannungszustand zwischen Gott, Melek Taus und Schöpfung den Konflikt verschiedener Sein-Aspekte, die jedoch immer in der Essenz dem gleichen göttlichen Licht entstammen. In ihren Augen widerspricht zum Beispiel die Interpretation der Rolle Satans im Christentum dem Monotheismus, denn nach ihrer Vorstellung kann kein Wesen das göttliche Licht in ihm zum Erlöschen bringen, ist doch alles, was ist, aus diesem göttlichen Licht geschaffen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich kein Wesen gegen Gottes Willen auflehnen kann.

Aus diesem Grund ist die pure Verwendung des Begriffes Scheytan, in welchem Zusammenhang auch immer, eine tiefe Beleidigung für jeden Yeziden und die reine Blasphemie. Dies jedoch hat wahrscheinlich auch mit der Verwendung und Prägung des Begriffes Scheytan in den die Yeziden umgebenden Religionen zu tun, die Scheytan als Inbegriff des Bösen sehen. Das Yezidentum hat sich als synkretistische Religion immer auch der religiösen Motive der Nachbarn bedient, was naheliegend ist, wenn man bedenkt, dass die Yeziden in jedem Land, in dem sie lebten, immer eine Minderheit darstellten. In einem anderen Paradigma, beispielsweise in einigen Variationen der modernen Magie, ist Scheytan durchaus eine positive Gestalt, die den Menschen befreit, dem reinen Glauben und dem blinden Gehorsam die Vernunft entgegen gesetzt hat und auf diese Weise den Menschen aus dem göttlichen Gefängnis führen konnte.

In allen Konfliktsituationen der Welt zeigt sich, dass die Unterteilung in Gut und Böse lediglich eine Frage der Perspektive ist.

Im yezidischen Glauben kann das göttliche Licht nur durch Vernunft zur Entfaltung gebracht werden. Die „vernünftige“ Entfaltung des göttlichen Lichtes ermöglicht es dem Menschen erst, zu einem Individuum zu werden, die Triebe zu kontrollieren und zu lenken und schließlich frei zu entscheiden. Aus diesem Grunde war Willensfreiheit und individuelles Erkennen im Paradies unmöglich, da dort nur und ausschließlich göttliches Licht vorhanden war. Mit dem Geschenk der Vernunft erhielt der Mensch jedoch auch die Last der Verantwortung als selbstständig denkendes und handelndes Subjekt. Im Glauben der Yeziden gibt es keine nur guten oder nur bösen Kräfte, die den Menschen verleiten wollen, dieses oder jenes zu tun (was nicht bedeutet, dass es keine Kräfte außerhalb des Menschen gibt. Die Yeziden lehnen nicht die Existenz externer Kräfte ab, sondern die Kategorisierung in ein einfaches „Gut und Böse – Schema“.), aus diesem Grunde haben Yeziden auch kein deterministisches Weltbild, sie lehnen die Idee eines göttlichen Plans, in dem das Geschick des Individuums von Geburt an festgeschrieben steht, ab.

Die Yeziden sehen sich als auserwähltes Volk des Melek Taus, da sie direkt von Adam abstammen. Dies erklärt, warum ein Mensch nicht zum Yezidentum konvertieren kann, Yeziden werden geboren, wenn sie einen yezidischen Vater und eine yezidische Mutter haben. Aus diesem Grunde steht das yezidische Volk vor dem Untergang, da die jungen Yeziden im europäischen Exil selbstverständlich eigene Wege gehen, sich zum Teil nicht-yezidische Partner suchen und somit den Fortbestand des yezidischen Nachwuchses gefährden. Bei groben Schätzungen von ca. hunderttausend Yeziden weltweit dürfte das Volk des Engels Pfau relativ schnell vom Antlitz der Erde verschwinden und damit eine einzigartige Kultur untergehen.

Adam hatte zwar viele Kinder mit Eva, von denen die anderen Menschengeschlechter abstammen, jedoch entstand Adams Sohn Shahid ben Cer direkt aus einem Schweißtropfen Adams in einem Krug. Adam liebte Shahid ben Cer so sehr, dass Eva und seine anderen Kinder eifersüchtig wurden und beschlossen, Shahid ben Cer zu töten. Doch Melek Taus schickte vier Geister, die in die Münder der gemeinsamen Kinder von Adam und Eva spuckten, während diese schliefen. Am nächsten Morgen konnten sich die Geschwister nicht mehr verstehen, da jedes in einer anderen Sprache redete. Shahid ben Cer jedoch zeugte nicht mit einer gewöhnlichen Menschenfrau, sondern mit einer Huris, einer dunkelhäutigen „Paradiesjungfrau“, seine Nachkommen, die Yeziden. Die Yeziden sind das auserwählte Volk, da ihre Stammmutter als Huri himmlischen Ursprungs ist und sie das Element Feuer besitzen, denn Melek Taus, der Engel Pfau, ist wie Azazel des Buches Henoch ein Träger des Feuers, das Licht und Wärme spendet, die Welt jedoch auch in Schutt und Asche verwandeln kann.

Die Yeziden haben eine sehr enge und persönliche Bindung zu ihrem Gott, jeder betet auf seine Art, zum Beispiel dreimal am Tag zu Scheich Schams, der Sonne. Schams ist eine direkte Nachfahrin der babylonischen Schamasch (Bruder der Ishtar) und Ashtarot. Es gibt keine Kirchen oder Moscheen und keine Kontrolle der Frömmigkeit des Anderen, es existiert keine homogene Glaubenslehre und kein vereinheitlichter Kult.

Die Tatsache, dass die Yeziden keinerlei Missionswillen zeigen, im Gegensatz dazu zu einem großen Teil aufgrund der Tatsache, dass sie ständigen Verfolgungen ausgesetzt waren, ihre Religion im Verborgenen praktizierten, machte natürlich die Akzeptanz durch ihre Umwelt und zum Beispiel die diversen Asylverfahren in Deutschland nicht einfacher. „Geheimbündler“ sind eben keine verfolgte Minderheit im Sinne des Gesetzes.

Gemeinsam feiern die Yeziden die heiligen Feste, wie zum Beispiel den Roten Mittwoch am ersten Mittwoch im April. An diesem Tag wird der Ahnen gedacht und Melek Taus geehrt, denn dies ist der Jahrestag der Übergabe der Erde von Gott an Melek Taus. Ansonsten wird der Kult eher im Privaten betrieben.

Ausnahmen bilden die drei großen religiösen Orden innerhalb des Yezidentums. Es gibt einen eigenen Frauenorden, dessen Mitglieder, die Fahra, in Lalish leben und den Orden der Kochaks. Die Kochaks leben wie die Mitglieder des Frauenordens hauptsächlich in Lalish und können in Trance direkt mit Melek Taus Kontakt aufnehmen, durch sie kann Melek Taus Wunder wirken, seinen Willen verkünden und die Zukunft voraussagen. Im Gegensatz zu den anderen Gruppierungen gehört ein Yezide dem Orden der Feqirs nicht durch Geburt an, sondern durch Initiation. Den endgültigen Rang eines Feqirs erhält der Ordensbruder erst dann, wenn er alle Grade und Weihen des Ordens durchlaufen hat.

Aber auch das Leben des „normalen“ Yeziden ist von Initiation geprägt. Es sind die Zeremonien der ersten Haarbeschneidung, der Beschneidung, Taufe, die Jenseitsbruderschaft, die Hochzeit und schließlich die Bestattung. Die Bestattungszeremonie und die anschließende Trauerzeit stellt die Yezidi im deutschen Exil vor größere Probleme. Viele Yeziden versuchen, Räume anzumieten, in denen dann ein Monat getrauert werden kann, denn in ihrer Heimat wurde ebenfalls nach einem Todesfall gemeinsam mit Verwandten und Freunden des Verstorbenen wochenlang nicht gearbeitet und gemeinsam Trauerarbeit geleistet. Dass dies in unserer schnelllebigen deutschen Umgebung kaum durchzuhalten ist und Schwierigkeiten aufwirft, dürfte einleuchtend sein.

Das Schließen der Jenseitsbruderschaft ist ebenfalls eine Initiationszeremonie, die bei deutschen Behörden und sozialem Umfeld oftmals Unverständnis hervorruft. Bevorzugt werden solche Verbindungen zwischen einem Mann und einer Frau aus einer anderen Kaste geschlossen, die ohnehin keinen Geschlechtsverkehr haben und heiraten dürfen, um die Auswahl an möglichen Partnern nicht noch mehr einzuschränken, denn das Verhältnis zum Jenseitsbruder oder zur Jenseitsschwester wird betrachtet wie eine normale Blutsverwandtschaft. Diese Jenseitsbruderschaft wird bereits zu Lebzeiten geschlossen, die Jenseitsbrüder und –schwestern nehmen gemeinsam mit den Würdenträgern die letzte rituelle Waschung des Verstorbenen vor und spielen bei der Bestattungszeremonie eine gewichtige Rolle. Des Weiteren sind sie mitverantwortlich für das Schicksal des Anderen im Jenseits, das heißt jenem Ort, an dem sich die Seele aufhält, nachdem der Körper verstorben ist, und auf ihr neues Körperkleid wartet.

Bis zu diesem Punkt der Ausführungen dürfte bereits klar sein, dass die Yeziden sicherlich keine Teufelsanbeter im orthodox islamischen oder christlichen Sinne waren oder sind; passen sie doch nicht in das Gut/Böse Schema der großen monotheistischen Religionen. Was die großen monotheistischen Religionen oftmals mit den Yeziden treiben, ist nicht zulässig, zutiefst unfair und gefährlich: Sie entführen die zentrale Figur des Melek Taus aus dem yezidischen Paradigma und dem ihr eigenen historischen Kontext und verorten Melek Taus im eigenen dualistischen Wertesystem. Von einigen monotheistischen Religionsvertretern werden die Yeziden dafür gebrandmarkt und verfolgt, von einigen selbsternannten Teufelsanbetern für den gleichen falsch verstandenen Sachverhalt „als Brüder“ gefeiert. Selten wird das Yezidentum als ein eigenständiger Weg begriffen, der die Wege der großen monotheistischen Weltreligionen (und einiger anderer) zwar gelegentlich kreuzt, in sich jedoch einen ureigenen Verlauf und eine eigene Richtung innehat.

Es gibt eine schöne Geschichte unter den Yeziden, dass am Anfang, als nichts war als Wasser und der Lebensbaum, Gott sich in der Gestalt eines Vogels auf einem Ast niederließ. Auf einem anderen Ast saß Melek Taus. Und Gott frage: „Wer bin ich? Wer bist Du?“ Und Melek Taus antwortete: „Ich bin ich und Du bist Du.“ Gott sagte: „Flieg los und schau, ob Du noch Andere findest.“ Und Melek Taus flog los und suchte, doch er fand keine Anderen, nur Wasser überall. Als er zurück gekehrt war, fragte Gott wieder: „Wer bin ich und wer bist Du?“ Und Melek Taus antwortete wieder: „Ich bin ich und Du bist Du.“ Doch Gott überlegte eine ganze Weile, bis er sprach: „Sage das nicht. Denn ich bin der, der aus sich selbst heraus erschaffen hat und Du bist das Erschaffene.“

Doch Melek Taus diskutierte noch eine ganze Weile mit Gott, wer von den Beiden denn nun der Erste gewesen sei, bis er akzeptierte, das erste Geschöpf Gottes zu sein, dem Gott später die Schöpfung des Menschen überlassen sollte und dem er die Herrschaft über die Erde gab. Wäre Melek Taus etwas eloquenter gewesen und hätte er in einer Zeit, in der es keine Wahrheit und keine Zeugen gab, sondern nur Meinungen, mit mehr Nachdruck argumentiert, wäre Gott vielleicht nicht Gott und der Herr der Welt hätte möglicherweise jeden Tag ein tolles Fest organisiert. Da dies jedoch nicht funktioniert hat und der Herr der Welt seine Chance verpasste, wurde das Jura-Studium erfunden ;-)

Es ist mein Begehren, dass all meine Anhänger sich in Einheit verbinden, damit nicht die Unwissenden die Vorherrschaft erringen. Und jetzt, da ihr alle meinen Belehrungen und Anweisungen folgtet, verwerft sie vor jenen, die unwissend sind. Ich lehrte euch nichts und nichts kam von mir. Erwähnt meinen Namen und meine Eigenschaften nicht, sonst müsst ihr es bereuen: Denn ihr wisst nicht, was euch die Unwissenden antun.

Aus dem Kitab al-Dschilwa, dem Buch der Offenbarungen

Frater Eremor ist praktizierender Magier und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Spielarten moderner Magie. Er ist Autor einiger Bücher zu den Themenkomplexen Magie und Meditation und veröffentlichte zahlreiche Artikel in Zeitschriften und Beiträge zu Anthologien. Er ärgerte sich über die inflationäre Instrumentalisierung der Yeziden in der magischen Szene, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Gründung der amerikanischen „Church of Satan“ und über die sehr einseitige Berichterstattung in einigen bundesdeutschen Medien über die angeblich „mafia-ähnlich“-organisierten Yeziden. So recherchierte er und veröffentlichte schließlich die Mitschrift eines von ihm gehaltenen Vortrages als erste Version des obigen Artikels. Ihm liegt viel daran, zum vernünftigen Verständnis des Yezidentums jenseits eines simplifizierenden Gut/Böse Schemas innerhalb der magischen Szene in Deutschland beizutragen.


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