"Yezidentum in Deutschland – eine ethnische Religion im Wandel" von Prof. Dr. Ina Wunn

von Prof. Dr. Ina Wunn

Die Wiege der Religionen

— Der so genannte fruchtbare Halbmond – jene Region, die sich über das alte Kanaan, Anatolien und Mesopotamien erstreckt - gilt nicht nur in materieller Hinsicht als die Wiege der menschlichen Kultur, sondern kann diesen Titel auch in geistig-religiöser Hinsicht für sich beanspruchen.

Hier „entdeckten“ bereits in der mittleren Steinzeit Vertreter der ersten anatomisch modernen Menschen die Unsterblichkeit, wie Funde erster Bestattungen belegen, und hier  begründeten ihre Nachfahren Kulte, in deren Mittelpunkt die in kleinen Statuetten vergegenwärtigten Verstorbenen standen. Aus diesen Anfängen entwickelten sich in den frühesten Hochkulturen, die die Menschheit kennt, komplexe Religionen, deren jeweiliger Mythos nicht nur das naturwissenschaftliche, religiöse und soziale Weltbild der Zeit spiegelt, sondern dessen Motive auch für die Nachfolgereligionen bestimmend wurden. Zu den großen geistigen Entwürfen der Zeit gehören neben anderen die babylonische Religion mit ihrem großen Kriegergott Marduk, aber auch mit dem Helden Gilgamesch, der die Unsterblichkeit erringen will, die kanaanitische Religion mit ihrem Baalskult und der Vorstellung der sterbenden und wieder auferstehenden Gottheit, sowie die altisraelitische Religion mit ihrem Kult des nicht darstellbaren und einzigen Gottes Jahwe. Nicht zuletzt zu erwähnen ist der Zoroastrismus, jene alte Religion indoarischer Einwanderer, die sich durch die Reformen des Religionsstifters Zarathustra von einem Opferkult nach dem do-ut-des Prinzip zu einer ethischen Religion wandelte, in deren Vordergrund der Kampf guter gegen böse Mächte steht.

Weltreligionen und  Religionsvielfalt

— Auf diesem in geistiger Hinsicht so fruchtbaren Boden entwickelten sich die großen Weltreligionen, indem sie alte überlieferte religiöse Elemente übernahmen, ihrem eigenen Weltbild einfügten und auf diese Weise aus bewährten geistigen Traditionen und bekannten Vorstellungen Neues schufen, das unter den sich ändernden politischen und ökonomischen Bedingungen ihre jeweiligen religiösen Bedürfnisse befriedigte. So gingen in die Religion Altisraels die Sintfluterzählungen ein, die bereits aus dem Gilgameschepos bekannt sind; in späterer Zeit bediente das Judentum sich bei der altiranischen Vorstellung eines Endkampfes zwischen dem Guten und dem Bösen und schuf so eine eigene, großartige Apokalyptik, die ihrerseits wieder Eingang in die jüngeren Religionen Christentum und Islam gefunden hat. Dieser kurze Aufriss der  vorder- und mittelorientalischen Religionsgeschichte soll zeigen, dass Religionen keineswegs starr, unbeweglich und unveränderlich sind, sondern sich im Gegenteil an ihre sich wandelnde Umwelt höchst beweglich anpassen und auf Veränderungen sensibel reagieren – dies galt damals ebenso wie heute. Ebenso sind religiöse Vorstellungen nicht nur auf einige wenige große Traditionen beschränkt, sondern es gibt gerade in dem hier thematisierten geographischen Raum eine Fülle von Religionen oder religiösen Sondergruppierungen, die im Laufe der bewegten Geschichte dieses Raumes entstanden sind und sich in der zerklüfteten Bergwelt in relativer Isolation bis heute erhalten haben.  Einige dieser teilweise nur wenige Anhänger umfassenden Religionen sollen hier beispielhaft genannt werden: Da sind die Samaritaner, jene alte ehemals zum Judentum gehörende monotheistische Religion mit ihrer Verehrung des Gottes Jahwe auf dem Garizim, das ist die alte jüdische Gruppierung der Karäer, die im 8. und 9. nachchristlichen Jahrhundert eine Rückkehr zum ursprünglichen Judentum ohne die rabbinischen Neuerungen forderte, da sind verschiedene alte christliche Kirchen und da sind die Drusen, ursprünglich Anhänger des fatimidischen Kalifen al-Hakim, und nicht zuletzt die Vertreter zahlreicher Sufiorden,  deren ursprünglich islamische Wurzeln oft von älteren Traditionen so weit überlagert wurden, dass man fast von der Entstehung neuer Religionen sprechen könnte. Diese bunte religiöse Vielfalt spiegelt nicht nur den geistigen Reichtum dieses alten Kulturraumes, der in den unterschiedlichen Religionen immer wieder seinen spezifischen und den jeweiligen geistigen Bedürfnissen angepassten Ausdruck findet, sondern erfüllt auch soziale und politische Funktionen: Eine Gemeinschaft oder Ethnie grenzt sich von ihrer Umgebung möglicherweise nicht nur durch die Sprache oder eigene Gebräuche ab, sondern auch durch ihre Religion. Religion ist in diesem Zusammenhang identitätsstiftend. Gerade in einem politisch unsicheren Umfeld kann Religion bzw. kann eine eigene religiöse Identität zur Stabilisierung einer Gruppe beitragen.

Ursprung und Inhalt des Yezidentums

— Genau hier ist das Yezidentum einzuordnen. In der Zeit der großen mystischen Bewegung gründet der Sufi-Sheik Adi ben Musafiz (1075 – 1160) den Awiya-Orden, der sich rasch zu einem geistigen Zentrum entwickelt und unter der kurdischen Bevölkerung zahlreiche Anhänger findet, unter anderem auch deshalb, da die Lehre des Sheiks alte indoarische Motive aufnimmt, die den religiösen Vorstellungen und Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen. Seine Lehre enthält überdies Elemente des Mithraismus (Kosmogonie), des Zoroastrismus (Engellehre), des Sufi-Islam (religiöse Organisation), des Judentums (strikter Monotheismus) und des orientalischen Christentums (rites de passage) und spiegelt so in den Augen ihrer Anhänger die gesamte uralte religiöse Weisheit des Kulturraumes.  Wie die Grabstätten anderer Sufi-Heiliger wird auch Sheik Adis Grab zunächst das Ziel frommer Pilger und Anhänger und entwickelt sich dann rasch zum Zentralheiligtum  einer Glaubensgemeinschaft, die sich schon bald als eigenständig begreift.

— Die Lehre dieser Glaubensgemeinschaft, wie sie in den heiligen Büchern Kiteba Celwa (Offenbarung), Meshefa Resh (Schwarze Schrift) dargelegt ist, ist rein monotheistisch: Es gibt nur Gott und neben ihm keine weitere Macht (auch nicht des Bösen), denn die Tränen des vorübergehend in Ungnade gefallenen obersten Engels Taus-i Melek haben das Höllenfeuer gelöscht. Es gibt daher nach dem Tode auch keine Verdammnis, sondern es herrscht vielmehr die Vorstellung vom Kreislauf der Geburten.

Religionssoziologie

— Wichtiger als der Inhalt dieser Religion ist jedoch die religiöse Praxis mit ihren Übergangsriten (besonders in Zusammenhang mit dem Tod) und mit ihren Festen im Jahreszyklus. Manches erinnert an die konkurrierende Religion, den Islam, und sei es nur in sofern, als man sich dezidiert unterscheidet: So ist der heilige Tag der Mittwoch, die Fastentage liegen anders, und gepilgert wird, wenn es irgend möglich ist, zumindest einmal im Leben nach Lalish. Bezeichnend für die soziale Organisation der Yeziden ist das Kastenwesen, bestehend aus dem Laienstand der Murids, dem Klerikerstand der Sheiks und dem obersten weltlichen Führer, dem Emir. Damit  hat sich bei den yezidischen Kurden das alte indoarische Kastensystem mit seinem „Nährstand, Lehrstand und Wehrstand“  - in der ebenfalls ursprünglich indoarischen indischen Religion übrigens Vaishya, Brahmane und Kshatriya – erhalten können, wurde aber inhaltlich und begrifflich überlagert vom religiös-hierarchischen System der Sufiorden mit seinen Murids, Sheiks und Pirs, dessen Bezeichnungen teilweise übernommen wurden. Charakteristischerweise gilt auch hier das Endogamiegebot; d.h. die Angehörigen einer Kaste dürfen nur untereinander heiraten. Das Kastensystem impliziert, dass es sich beim Yezidentum um eine so genannte ethnische Religion handelt, in die man hineingeboren wird, zu der man also nicht übertreten, aus der man aber auch nicht austreten kann.. Ein Wechsel der Religion kommt dem Ausschluss aus der sozialen Gemeinschaft gleich. Was zunächst einmal im Dienste des Überlebens der Gruppe der Yeziden im feindlichen Umfeld der kurdischen Berge ein Vorteil war, die Gruppe zusammenhielt und ihr Überleben bis heute sicherte, stellt sich nun, seit die weitaus meisten Yeziden verstreut in der Diaspora leben, als Nachteil heraus. Dort, wo man nicht mehr an der Sitte der so genannten cross-cousin-marriage festhalten kann oder will, ist es schwierig, einen geeigneten Lebenspartner zu finden, der ja dann, wenn es sich um einen nicht-Yeziden handelt, dem Yezidentum auch nicht beitreten kann.

Neue Herausforderungen

— Das erzwungene Leben in der Diaspora, eine Folge der bürgerkriegsähnlichen Unruhen in der Türkei der 1980er Jahre und der pogromartigen Verfolgungen im Irak Sadam Husseins, haben das Yezidentum vor neue Herausforderungen gestellt, denen sich diese alte Religion erst heute bewusst stellen kann. Nach der Ausreise in westeuropäische Länder zunächst im Zuge der Arbeitsmigration, dann aber auch als Flüchtlinge, sahen sich die aus dem ländlichen Umfeld Anatoliens kommenden Menschen mit einer Welt konfrontiert, auf die sie in keiner Weise vorbereitet waren. Man verstand die Sprache im Aufnehmerland ebenso wenig wie die Sitten und Gebräuche und war – auch durch fehlende Schulbildung – in keiner Weise gerüstet, am gesellschaftlichen und sozialen Leben in der neuen Heimat teilzunehmen. Der Verlust der alten Heimat führte zur Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Identität: Lebte man zu Hause ganz selbstverständlich in den angestammten Hierarchien in seinen Dörfern bei klaren Unterscheidungen und geregeltem Miteinander im Verhältnis zu den umgebenden Muslimen, waren hier in Europa weder die Unterschiede noch die ehemaligen Gemeinsamkeiten vorn irgendwelcher Relevanz: Identitätsverlust war die Folge. Wie im Zuge der Migration auch bei anderen Migrantengruppen beobachtet, führt dieser Identitätsverlust zum Zusammenrücken der Gruppe mit verstärkter Sozialkontrolle: „Ich weiß zwar nicht mehr, wer ich als Yezide bin, aber das, was noch ist, muss unbedingt erhalten bleiben.“ An alten Sitten wird festgehalten, auch wenn sie in die neue Umwelt nicht mehr passen wollen; der drohenden Beeinflussung durch die Umwelt begegnet man, in dem man sich abschottet. Während die älteste, die einwandernde Generation ihre Sitten auch hier in der Fremde so gut es geht noch ganz selbstverständlich pflegt, kämpft vor allem die zweite Generation mit Schwierigkeiten. Erzogen nach den alten Traditionen, die nicht hinterfragt wurden und nicht hinterfragt werden durften, aber in einer fremden Umgebung aufgewachsen, klammern sie sich an Sitten, die sie selbst nicht mehr verstehen, deren Befolgung für sie aber als identitätsstiftend unbedingte Notwendigkeit ist. Dieser schmerzhafte Prozess der sukzessiven Aneignung des Fremden ist langwierig, und erst der dritten Generation gelingt die Reflektion der eigenen Situation.

Ein neues Yezidentum

— Dieser dritten Generation ist inzwischen der soziale Aufstieg auch in die akademische Elite gelungen, und es ist vor allem diese Elite, die nun über das Yezidentum nachdenkt. Dieses Nachdenken erfolgt in dem Sinne, dass nach der eigentlichen Religion im Yezidentum gesucht wird; d.h. nach Elementen des Glaubens, die nun als der eigentliche und wesentliche Kern der yezidischen Religion gesehen wird. Gerade diese Suche nach dem Glauben, also den religiösen Inhalten, gestaltet sich hierbei als schwierig, da die Lehre im alten ethnischen Yezidentum nur eine geringe Rolle gespielt hat und auch vorwiegend religiösen Spezialisten bekannt war. Gleichzeitig bemüht man sich um eine neue Deutung und vor allem neue Bewertung der Traditionen, die nun dem Leben  und den Verhältnissen in Mitteleuropa angepasst werden sollen. Dies impliziert unter anderem eine sehr kritische Sicht auf die Kastenordnung und ihr Endogamiegebot, das unter den neuen Verhältnissen als nicht mehr zeitgemäß erachtet wird. Auch die religiöse Hierarchie wird in Frage gestellt und gerät ins Wanken, sind es doch nicht mehr die Vertreter aus der alten Kaste der Sheiks oder die Peshimame, die Garanten für den Erhalt und die Überlieferung des religiösen Wissens sind, sondern vielmehr junge Intellektuelle, die sich im Rahmen von Studien mit ihrer, aber auch mit verwandten Religionen beschäftigt haben, und die an Wissen den alten Spezialisten oft überlegen sind. Das heißt nicht, dass die junge, religiös interessierte und religiös aggressive Generation die Autorität der alten Spezialisten in Frage stellt – eine solche Ungehörigkeit wäre auch heute innerhalb des Yezidentums nicht denkbar. Es ist aber einfach so, dass sich parallel zur alten religiösen Hierarchie eine neue religiöse Elite etabliert, die dabei ist, das Yezidentum neu zu definieren und zu etablieren. Es entsteht dabei eine Form von religiöser Organisation auf Vereinsbasis, die sich nicht nur innerhalb der yezidischen Community eine feste Stellung erobert, sondern die nach und nach eine Mittlerfunktion zwischen Gesamtgesellschaft und Yeziden einnimmt und sich zum Interessenvertreter und Sprachrohr für yezidische Angelegenheiten gegenüber der Öffentlichkeit macht. Damit tun die Yeziden nun einen Schritt, den andere Religionsgemeinschaften kurdisch-anatolischer Provenienz bereits vor ihnen getan haben: auch die Aleviten sind Ende der 1980er Jahre nach Gründung einer religiösen Vereinigung an die Öffentlichkeit getreten und fordern soziale und politische Teilhabe ein.

— Von Seiten der aufnehmenden Gesellschaft ist die hier skizzierte Entwicklung mehr als zu begrüßen, meint dies doch, dass die Yeziden nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Für das Yezidentum bedeutet dieser Prozess  zunächst einmal, dass die Gefahr der Marginalisierung dieser Religion geschwunden ist – sie passt sich an, wurde so zusagen für diese Gesellschaft fit gemacht. Dies allerdings um den Preis deutlicher Veränderungen: Eine Religion, die noch vor wenigen Jahrzehnten eine Lebensform war, wird intellektualisiert, wird verkopft. Ihre Schwerpunkte verschieben sich von der Lebensordnung in Richtung Glaubensinhalte. Wenn man so will, hat damit (man möge das christliche Beispiel und die christliche Terminologie entschuldigen) eine „Protestantisierung“ des Yezidentums stattgefunden. Weitere Veränderungen, die mit dem Stichwort „Verkirchlichung“ beschrieben werden können, werden zwangsläufig folgen: die vergeistigte Religion wird auf der Basis ihrer Schriften eine Glaubenslehre entwickeln, die von Spezialisten, diesmal aber von ausgebildeten Spezialisten vermittelt wird, deren Lehrtätigkeit wiederum letztlich von einer religiösen Organisation kontrolliert werden muss.

— Fazit: Im Rahmen dieser Prozesse erweist sich das Yezidentum als eine offene und trotz ihres Alters anpassungsfähige Religion, die im  Wettbewerb der Sinnanbieter ihren Platz behaupten wird.

 

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