Die Sozialstruktur in der yezidischen Gesellschaft

von Johannes Düchting

Die Sozialstruktur der Yezidi ist völlig unabhängig von der religiösen Kastenstruktur. Personen mit höherem religiösen Rang können in den Stammesstrukturen durchaus einen niedrigen Rang haben. So kann es durchaus vorkommen, daß ein Sheikh oder Pir  bei einem Laien als Hirte oder Landarbeiter beschäftigt ist. Die Behauptung der „Islam-Forscherin“ Ina Wunn „Die Muriden stellen die Untertanen dar, die Pirs entsprechen den Rittern“[1] ist völlig falsch und beweist lediglich, daß auch „Islam-Forscher“ über die Yezidi nicht allzu gut informiert sind.

Die soziale Struktur der Yezidi ist die typisch kurdische Stammesstruktur, auf deren Beschreibung deshalb hier zurückgegriffen werden kann. Die Kurden waren ursprünglich ein Volk freier Bergbauern und Wanderhirten, bei denen demokratische Stammesordnungen und bevorzugt gemeinschaftliche Formen der Wald- und Weidenutzung eine Rolle spielten. Wie alle Kurden sind auch die Yezidi in Stämmen (Asiret) organisiert, die als gegeneinander abgegrenzte Verbände jeweils voneinander getrennte Gebiete besiedelten und bewirtschafteten. Die Stämme hatten vor allem bei der Organisation des Volkes zu größeren und wehrfähigen Einheiten und für die Beziehungen nach außen, insbesondere zu den benachbarten moslemischen Kurden und Arabern Bedeutung. Sie standen unter der Leitung erblicher Chef-Familien, bei Stammeskoalitonen unter der Führung des Chefs des angesehensten Stammes.

Zur Entwicklung eines Feudalsystems ist es erst im Zuge der Einbeziehung der kurdischen Fürstentümer ins Osmanische Reich nach dem Vertrag von  Qasr-i Shirin vom 9. August 1515 gekommen. „Im ganzen Orient fehlte sogar das Wort Grundherr in den Sprachen. ... Erst die Türken haben im Orient in den von ihnen eroberten Ländern eine Art grundherrlichen Feudalismus eingeführt.“[2]

In Persisch-Kurdistan kam es seit 1639 ebenfalls zu einer, wenn auch andersgearteten feudalen Entwicklung; hier wurde ein Latifundien-System eingeführt, das die freien kurdischen Bauern zu landlosen Fronknechten degradierte.

Eine gute zusammenfassende Darstellung der yezidischen Stammesstrukturen, die zumindest im Sinjar-Gebirge und der Sheikhan-Region im Prinzip bis heute noch gelten, gab 1910 Theodor Menzel:

„Die Jeziden zerfallen in eine Anzahl von Stämmen. ... Jeder Stamm steht unter einem Häuptling. Die Würde erbt sich nach Gewohnheitsrecht zumeist in der Erstgeburtsfolge in der angesehensten Familie fort. Der Häuptling übt eine große Macht aus: Er ernennt die Ältesten, er hat das Recht der körperlichen Züchtigung und der Inhaftnahme. Doch steht ihm die Verhängung der Todesstrafe nicht zu. ... Dem Gerichte des Stammeschefs unterstehen alle Verbrechen. Er kann alle Gerichtssachen, auch die kleinsten, nach Belieben dem zuständigen Gericht entziehen und vor seinen Richterstuhl bringen. Er entscheidet allein, oder wenn er es für angebracht findet, gemeinsam mit den Schejchen, Piren und Ältesten. ... Strafen, die der Häuptling verhängt, sind: Wehrgeld oder Blutgeld bei Mord und Totschlag, Geldstrafen und letzten Endes die Ausstoßung aus dem Stamme.

Der Stammeschef hat zum Entgelt für seine Tätigkeit auf Geldabgaben und Leistungen Anspruch, um standesgemäß auftreten zu können. Sie zerfallen in:

1. Glückwunschgeschenke, die ihm an den großen Feiertagen gebracht werden;

2. Geschenke bei häuslichem Unglück, bei Todesfällen von nahen Angehörigen;

3. Geschenke bei häuslichen Glücksfällen oder Einladungen, bei Geburt und Beschneidung eines Knaben, Heiraten;

4. Geschenke für ein erlassenes Urteil, einen Schiedsspruch;

5. Geschenke eines jeden neu ernannten Ältesten für die Ernennung;

6. Fronarbeiten für seine Wirtschaft: Bestellung des Feldes, Mähen der Wiesen, Erntearbeit, Einführen der Ernte, Dreschen, Scheren, der Schafe usw.;

7. Erbrecht auf den Nachlaß jedes unbeerbt gestorbenen Jeziden seines Stammes;

8. Die konfiszierte Habe eines Ausgestoßenen;

9. Der Überschuß der eingetriebenen Strafgelder für Dieb-stahl, Raub nach der Entschädigung der Geschädigten.

Daneben stehen dem Stammeschef noch besondere Ehrenrechte zu: Unverletzlichkeit seiner Person und seiner Familie; Anspruch auf Ehrengeleite, ehrenvollen Empfang, eine zahlreiche Dienerschaft und dergleichen mehr.

Dafür obliegen ihm aber auch umfassende Pflichten seinem Stamme gegenüber. Er hat die persönlichen und materiellen Rechte eines jeden Stammesmitgliedes nach innen und nach außen zu wahren. Ohne sein Wissen und seine Billigung darf der geistliche Rat der Schejche die Exkommunikation über keinen Jeziden verhängen. ...

Der Stamm selbst zerfällt wieder in kleinere Einheiten: die Ältestenschaften. Wo die Jeziden dicht beisammen sitzen, besteht eine Ältestenschaft aus einigen Gemeinden oder Ansiedlungen, die zusammen wohnen und zusammen nomadisieren. Wo sie zerstreut unter Fremdvölkern wohnen, besteht die Ältestenschaft aus mehreren näheren oder entfernteren Dorf- oder Gemeindegruppen.

Der Älteste ... wird vom Stammeshäuptling ernannt. Gewöhnlich wird auch er in erblicher Weise einer angesehenen Laienfamilie entnommen. Er hat die Funktion eines Schulzen zu erfüllen. Ihm obliegt die Aufrechterhaltung der Sicherheit inner-halb seiner Gemeinde. Er bestimmt die Marktpreise. Er allein oder gemeinsam mit den von ihm nach seinen Ermessen zugezogenen Beisitzern erfüllt die Obliegenheiten eines Friedens- und Schiedsrichters in kleinen Sachen. ...

Jede Ältestenschaft besteht ... aus mehreren zu einer Einheit zusammengeschlossenen Gemeinden. Es sind dies:

1. Die festen Siedlungen (gund), eine jede von 10 – 40 Feuerstellen, zumeist im Gebirge gelegen;

2. Die obae, ein nur zeitlicher freier Zusammenschluß einer beschränkten Anzahl von Familien für den Sommer, zum Zwecke des Weidebetriebes und Nomadisierens, also eine Art Senngemeinde.

Die Verwaltung und der Betrieb der gund und obae sind rein patriarchalisch. Sie haben primär keinerlei polizeiliche Vollmacht, mit Ausnahme der ihnen obliegenden Aufrechterhaltung des Friedens in der Gemeinde und der Verfolgung eines innerhalb oder in nächster Nähe der Gemeinde begangenen Verbrechens. Eine Art Führerschaft hat natürlich der durch Erfahrung, Reichtum, Persönlichkeit Angesehenste. Doch gilt sonst bei Entscheidungen Gleichheit der Stimmen. Hauptaufgabe dieser Gemeinde ist es, ihren Mitgliedern die Ausübung ihres Lebensberufes, das ist die landwirtschaftliche Tätigkeit oder den Weidebetrieb, zu ermögliche und zu sichern. Die Gemeinde pachtet nötigenfalls Land, sie bringt gemeinsam die Staatssteuern und die Abgaben für den Stammes-Emir auf.  ....

Die einzelne Familie bildet wieder eine Einheit für sich. Die Konstruktion ist, wie nicht anders zu erwarten, rein patriarchalisch. Die hausherrliche Gewalt des Vaters und Familienoberhauptes ist sehr stark entwickelt. Er allein ist Eigentümer von allem, selbst die Frau kann außer ihren Toilettesachen Vermögen selbständig nicht besitzen, und sogar das Geschenk, das ihr die Verwandten und Eltern nach der Hochzeit machen, wird, wenn auch nicht ausschließliches Eigentum des Mannes, so wenigstens gemeinsamer Besitz der Ehegatten.

Die Familie im weiteren Sinn, die Sippe mit Einschluß der Agnaten in auf- und absteigender Linie bis zum dritten Glied und der Kognaten bis zum fünften, höchstens sechsten Grad der Blutsverwandtschaft bildet eine weitere Einheit, die aus den ältesten Verwandten ein eigenes Familiengericht formiert.“[3] 

In Osmanisch-Kurdistan wurden die – zumeist demokratisch legitimierten – Stammesführer (Agas) sowie die Mitglieder hervorragender Familien (Begs) im Zuge des osmanischen „Iltizam-Sy-stems“ – eine Art Lehensvergabe gegen die Verpflichtung zur Steuereintreibung – zu absoluten Autoritäten gemacht, die nicht mehr vom Volkswillen abhängig waren. Während in den europäischen und westanatolischen Reichsteilen durch den häufigen personellen Wechsel in diesem System das Entstehen eines echten Feudalismus nach europäischem Muster verhindert wurde, bildete sich im weit von Istanbul entfernt liegenden Kurdistan eine feudale Oberschicht heraus, die für die Stellung von Hilfstruppen für die osmanische Armee sogar mit einem selten angetasteten Erblichkeitsrecht ausgestattet wurde.

Zumeist ernannten die osmanischen Herrscher moslemische Stammesführer zu ihren Lehensfürsten, die aufgrund ihres Glaubens auch eher zur Kollaboration bereit waren. Der Yezidi-Fürst Husain Beg Dasini, der 1534 das Sandjak Erbil und das Vilayet Soran zum Lehen erhielt, war eher die Ausnahme.

Lediglich im Sheikhan-Bezirk gelang es yezidischen Fürsten, an der weltlichen Machtverteilung teilzuhaben, was sie aber dennoch nicht vor den Angriffen der osmanischen Gouverneure und anderer Feudalherren schützte.

Eine Verfestigung der feudalen Strukturen erfolgte durch die Katastereintragungen seit dem 19. Jahrhundert. In die Grundbücher wurden nunmehr die jeweiligen Stammesführer als „Eigentümer“ des bis dahin als Stammeseigentum geltenden Bodens eingetragen. In der Folgezeit wurden dann die Nachkommen der einstigen Stammesführer zu Grundbesitzern, während die Enkel der einfachen Stammesmitglieder zu besitzlosen Pächtern wurden.

Insbesondere bei dieser „Landaneignung“ gingen die Yezidi oftmals leer aus. Yezidi sind deswegen sehr selten als Eigentümer des Landes eingetragen, auf dem sie wohnen oder das sie bearbeiten. In Türkisch-Kurdistan gehören gerade in den von den Yezidi bewohnten Regionen Großgrundbesitzern ganze Dörfer, d.h. der Grund und Boden, auf dem sich die Dörfer befinden; so gibt es in der Provinz Urfa 123 solcher Dörfer, in der Provinz Diyarbekir 70.[4] 1952 gehörten in Türkisch-Kurdistan gerade einmal 2 % der Familien 30,5 % des bebaubaren Grund und Bodens; 10 % der Familien verdienten 50,1 % des Netto-Einkommens.[5] In der Provinz Diyarbekir gehören 88 % des Grund und Bodens Großgrundbesitzer-Familien (die etwa 3 % der Familien ausmachen, die überhaupt Land besitzen), die nicht einmal in der Region leben.[6] In der Provinz Mardin sind 43,2 % und in der Provinz Siirt 44,95 % der Bauern-Familien landlos.[7] Konkrete Zahlen bezüglich der Situation der Yezidi sind nie erhoben worden; sie dürften aber noch wesentlich höher gelegen haben.

Ursprünglich hatten die Feudalherren neben ihren grundherrlichen Rechten auch Verpflichtungen, wie z.B. die eines konsolidierenden Verwalters und die eines Schlichters bei Konflikten. Ihren Pflichten kamen sie im Verlaufe der Zeit aber immer weniger nach und wurden dadurch zu reinen Großgrundbesitzern. Oftmals zogen sie nun aus den ländlichen Regionen in benachbarte Städte oder gar in west-türkische Metropolen.

„Sie wohnen bequem in den Städten, lassen ihren Besitz durch Pächter bestellen und beanspruchen die Hälfte der Ernte für sich. Sie verfügen über eine ‚Leibwache’ aus bewaffneten Schlägern, über ausgezeichnete Verbindungen zu Gendarmerie und Gerichten und über eine starke Lobby im Parlament, so daß sie es ungestraft unternehmen können, ihnen mißliebige Pächter kurzerhand zu verjagen, mehr noch: mit Gewalt Kleinbauern unter fadenscheinigen Vorwänden von ihrem Besitz zu verdrängen und zu Leibeigenen zu degradieren, die, selbst wenn sie abwandern, noch in der Ferne die Hand des Herrn zu spüren bekommen. Selbst im Ausland.“[8]  

In Irakisch- und Syrisch-Kurdistan war eine ähnliche Entwicklung zu beobachten, die aber noch nicht so weit fortgeschritten war, wie im türkischen Teil Kurdistans. So war Mitte des 20. Jahrhunderts das Land im Sinjar-Gebirge im Besitz der einzelnen Familien:

„Das Land hier befindet sich durchweg in bäuerlichem Familienbesitz. Jedes Dorf untersteht zwar einem Dorfältesten, aber es müssen an ihn keinerlei Abgaben errichtet werden; nur in Sonderfällen hat er das Recht, von den Dorfgenossen in beschränktem Maße Hilfsdienste zu fordern.“[9] 

Von einer anderen Entwicklung innerhalb der kurdischen Gesellschaft blieben die Yezidi – vermutlich aufgrund der neben der sozialen Struktur bestehenden religiösen Struktur – in ihrer Heimat weitestgehend verschont. Zahlreiche in den Städten lebende Kurden entfernten sich von ihren Stämmen und wurden zu enttribalisierten städtischen Unter- und Mittelschichten. Den Yezidi scheint diese Entwicklung wohl erst im europäischen Exil bevorzustehen.

***

Die yezidischen wie die kurdischen Stammesstrukturen unterscheiden sich ziemlich von denen der benachbarten arabischen oder turkmenischen Stämmen. Ein yezidischer Stamm ist kein unauflösliches Ganzes, sondern eher eine Ansammlung autonomer politischer Einheiten, den „foxid“ oder „bav“ (in etwa mit „Fraktionen“ oder „Clan“ zu übersetzen), die oftmals unterschiedlichster Herkunft sind. Jeder Stamm umfaßt eine gewisse Anzahl solcher Fraktionen, die wieder in verschiedene Untergruppen („bra“) aufgeteilt sind. Neben diesen Gruppen, die zumeist einen gemeinsamen Ursprung haben, gibt es fast immer auch eine Anzahl von dauernden oder zeitweiligen Flüchtlingen („gesir“ oder „xerib“), die als Gruppe oder Einzelpersonen zu den Fraktionen gekommen sind.

Zu einem „bav“ gehören alle diejenigen, die von einem gemeinsamen Ahnherren abstammen. Früher lebten die Mitglieder einer Fraktion in einem Dorf oder einem Nomadenlager zusammen; auch wenn das heute zumeist nicht mehr der Fall ist, sind die Bindungen innerhalb der Clans immer noch sehr stark. Meistens sind diese Bindungen weitaus stärker als die Bindungen innerhalb eines Stammes. Die „bavik“-Zugehörigkeit ist auch außerhalb der Herkunftsgebiete von wesentlicher Bedeutung und hat sich in der Diaspora als solidarische Einheit gefestigt. Auch in der Diaspora hat man zumeist ein auf den verwandtschaftlichen Beziehungen basierendes vertrautes und bewährtes soziales Netzwerk konstruiert und quasi „Dörfer in der Stadt“ aufgebaut.[10]

Zu einem „bra“ werden die Yezidi gezählt, die zur gleichen Großfamilie gehören. Eine bedeutende Rolle spielte (und spielt oftmals auch heute noch) der Großfamilienverband im Rahmen der Blutrache. Wenn ein Yezidi in Friedenszeiten jemanden tötete, unterlagen er und alle seine Blutsverwandten der Blutrache der Familie des Toten. Alle Mitglieder der „bra“ waren gemeinsam für das begangene Verbrechen verantwortlich und mußten auch gemeinsam für ein eventuell zu zahlendes Blutgeld aufkommen.

 


[1] Wunn, Ina / Quasdorf, Anneke; Gewalt geht nicht vom Glauben aus (Interview); in: Neue Westfälische vom 10.07.2009

[2] Engels, Friedrich; Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaften („Anti-Dühring“); in: Marx, Karl/Engels, Friedrich; Werke, Band 20; Berlin 1972; Seiten 163 f

[3] Menzel, Theodor; Ein Beitrag zur Kenntnis der Jeziden (Vorwort); in: Grothe, Hugo (Hrsg.), Meine Vorderasienexpedition 1906 und 1907, Band 1, Leipzig 1911;Seiten 108 ff

[4] Tas, A.; Türkiye Kürdistani Ekonomik ve Sosyal Yapi; Köln 1985;  Seite 105

[5] Jafar, Majeed R.; Under-Underdevelopement – A Regional Case Study of the Kurdish Area in Turkey; Helsinki 1976, Seite 63

[6] White, Paul; Primitive Rebels or Revolutionary Modernizers – The Kurdish National Movement in Turkey; London – New York 2000, Seite 99

[7] Sahin, Mukaddes; Das Südostanatolienprojekt (GAP) und die erwarteten wirtschaftlichen und sozialen Folgen auf die Region; Köln 1989 (unveröffentlichte Diplomarbeit), Seite 30

[8] Renz, Alfred; Land um den Ararat: Osttürkei – Armenien; München 1983; Seite 303

[9] Wirth, Eugen; Agrargeographie des Irak; Hamburg 1962; Seite 175

[10] Yalkut-Breddermann, Banu, Der Wandel der yezidischen Religion in der Diaspora; in: Jonker, Gerdien (Hrsg.); Kern und Rand: Religiöse Minderheiten aus der Türkei in Deutschland, Berlin 1999, Seite 53

 

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