Bave Azad Interview

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BAVE AZAD

1. Da komme ich her - Erzählungen über Herkunftsländer / Ezidische Tradition& Geschichte

Ich bin 1938 in Eyn Sifne (Ain Sifni) zur Welt gekommen. Ich kann mich daran erinnern, dass wir sehr arm waren, aber wir waren glücklich. Viele Male hatten wir nichts zu essen. Wir hatten Zucker in Wasser gelegt und unser Brot damit gegessen. Meistens hatten wir Couscous und Brot gegessen. Unsere Kleidung war zerrissen. Es gab keine Nadeln und Faden, aber es war keine Schande, wir hatten Spaß am Leben. Wir haben nie darüber nachgedacht, wer arm und wer reich ist. Alle waren gleich. Der Reiche hatte den Armen geholfen.

Ich habe die Grundschule in Eyn Sifne für Mädchen und Jungen besucht. In dieser Zeit war es nicht einfach zur Schule zu gehen. Nicht jeder konnte seine Kinder zur Schule schicken. Es gab auch ein Projekt, die Eziden zu islamisieren, deswegen haben sich einige Eziden geweigert ihre Kinder zur Schule zu schicken. Ich habe trotzdem die Schule besucht. Ich habe die Grundschule im Jahre 1949 mit Abschluss beendet. Mein Vater war sehr arm, er hat mir nicht geholfen, zur Schule zu gehen. Ich habe Stifte und Papier von meinen Kollegen geliehen. Ich habe in Muosel die Mittelschule besucht. Mein Vater hat mir nicht geholfen. Aber meine Mutter hat mir geholfen. Sie hatte Gelegenheitsarbeit verrichtet und mir damit geholfen. Die Kinder in Muosel haben mich gestört, weil ich Ezide war. Ich habe damals die Schule verlassen und bin nach Baghdad gegangen. In Mousel waren damals mehrheitlich Araber. Eziden haben Mousel freiwillig nicht besucht, nur, wenn sie etwas kaufen wollten. Ich hatte mich entschieden nach Baghdad zu gehen, um meine Schule dort weiterzumachen. Für meine Reise nach Bagdad hat mir meine Mutter von ihrem Verdienst 1,5 Dinar gegeben. Ich bin mit dem Zug von Mousel nach Bagdad gefahren. Ein Jenseitsbruder* von meinem Vater war bereits in Bagdad. Ich hatte in der Anfangszeit bei ihm übernachtet. Er hatte im Museum in Bagdad einen Bekannten. Er hat mich zu ihm geschickt. Ich war da. Während meines Besuches bei ihm war ein Amerikaner bei ihm. Der Amerikaner hat vorgeschlagen, dass ich bei ihm arbeite. Ich habe sofort zugesagt. Der Amerikaner war Archäologe. Er hat Höhlen erforscht. Ich habe mich parallel an einer Mittelschule angemeldet und in Bagdad meinen Abschluss gemacht.

Ein anderer Amerikaner kam nach Bagdad. Er hieß Mr. Bermingham. Ich habe von ihm Englisch gelernt. Er hat mir die Idee gegeben, dass ich ein Pferd kaufen solle und es Amerikanern für ihre Freizeit zur Verfügung stellen solle. Damals kamen mehr als 3000 Amerikaner in den Irak, um die irakische Regierung zu unterstützen (Bildung, Schule, Militär...). Ich habe ein Pferd gekauft und später weitere 6. Es ging mir ganz gut.

In dieser Zeit habe ich mich an der Fachhochschule für Gesundheit angemeldet. Ich habe das Studium beendet. Es war die Zeit der Umwälzung in Bagdad. Es war 1958. Ich wurde an verschiedenen Stellen eingesetzt: In Bagdad, Kirkuk, Shingal.

Ich habe 9 Jahre lang in Shingal gearbeitet. Ich wollte meinen Leuten helfen. Ich war Leiter einer Ambulanz in Shingal. Bis zum Jahr 1971 gab es keinen Unterschied zwischen Kurden und Eziden. Ab 1971 kam es dann zu politischen Bewegungen in Shingal. Die Kurden kauften nichts mehr von Eziden, alles was die Eziden hatten, wurde von den Nachbarn nicht mehr gekauft.

Die irakische Regierung hat damals den Gouverneur von Shingal getötet, um Disharmonie zwischen den Eziden und den anderen Menschen zu schüren. Sie haben so einen Grund geschaffen die Eziden zu verfolgen. Damals versuchte ich schon die Eziden zu motivieren, sich mit ihrer Kultur zu beschäftigen, zur Schule zu gehen.

Ich habe damals eine Videokamera gekauft und versucht alle ezidischen Grabstätten, heiligen Stätten und Zeremonien zu filmen. Ich habe alle diese Filme archiviert. Bis heute habe ich diese Filme bei mir aufbewahrt. Ich habe die alten, erfahrenen Menschen aufgesucht und Interviews mit ihnen durchgeführt. Ich nahm verschiedene Geschichten, Erlebnisse und religiöse Texte auf und archivierte sie.

Ich kam im Jahr 2000 nach Deutschland. Ich habe alle ezidischen Vereine kontaktiert und um Hilfe gebeten. Ich wollte dieses Archiv wiederbeleben. Bedauerlicherweise hat keiner Hilfe zur Verfügung gestellt. Ich bin jetzt sehr alt und kann das Archiv leider auch aus finanziellen Gründen nicht bearbeiten. Es bräuchte viel Arbeit.

Erklärungen:
*1: Jenseitsbruder = Ein Jenseitsbruder ist nicht der leibliche, sondern ein religiöser Bruder, der bei irdischen Fragen und Problemen zur Seite steht, aber auch nach dem Tode sind die Seelen vereint. Ein religiöser Bruder wird in einer religiösen Zeremonie zum lebenslangen und über den Tod hinaus verantwortlichen Begleiter ernannt.

 

2. Warum ging ich: Migrations- und/oder Fluchtgründe
 
Wie kam es zum Entschluss Ihr Herkunftsland zu verlassen?
Im Irak war 1990 der zweite Golfkrieg und 2003 der dritte Golfkrieg ausgebrochen. Der Irak war nicht mehr sicher. Der Irak wurde geteilt zwischen Kurden und Araber. Wir, meine Frau und ich haben den Irak verlassen, weil das Leben schwer war.

Erfolgte die Entscheidung aus freien Stücken?
Nein, wir wurden gezwungen unser Heimatland zu verlassen, da es nicht mehr sicher war.
 
Wie kamen Sie auf Deutschland als Zielland?
Ich kam schon in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts als Tourist nach Deutschland. Damals war ich schon von Deutschland begeistert. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts kamen viele Eziden aus verschiedene Länder nach Deutschland als Flüchtlinge. Meine Kinder kamen auch nach Deutschland. Daher haben wir uns entschieden zu unseren Kindern zu kommen. Ich hatte auch gehofft, dass ich hier in Deutschland eine Möglichkeit finde, mein Archiv für die Wissenschaft zur Verfügung zu stellen und zu bearbeiten, was mir bis jetzt leider nicht gelungen ist.
 
Welche Reiseart, welche Reiseroute wählten Sie?
Wir mussten leider illegal nach Deutschland kommen, da wie gesagt im Irak Krieg war und wir kein Visum bekommen konnten. So mussten wir fliehen.

Wie haben Sie die Reise erlebt?
Unsere Reise war sehr schwierig, da wir, meine Frau und ich alt waren und nicht viel laufen konnten.

 
3. In meinem Koffer habe ich mitgebracht: Ezidische Traditionen in Deutschland
 
Wie haben Sie die erste Zeit in Deutschland empfunden?
Ich mag die deutsche Demokratie, das deutsche Wirtschafts- und Sozialsystem, die deutsche Freiheit. Für mich ist es nicht schwer in Deutschland zu leben, da ich schon in den 60er Jahren in der großen, zivilisierten Stadt Bagdad gelebt habe.
 
Gab es Begegnungen oder Umstände, die Ihnen die Ankunft erleichtert haben?
Als wir nach Deutschland kamen, mussten wir einen Asylantrag stellen und mindestens 2 Jahre auf die Anerkennung warten. Wir haben im Asylantenheim gelebt. Es war nicht einfach. Aber jetzt Gott sei Dank haben wir einen Aufenthalt und eine Wohnung und leben in der Nähe unserer Kinder.
 
Was fällt Ihnen persönlich zum vielzitierten Begriff „Integration“ ein?
Wenn man in einem fremden Land lebt, muss man sich schon anpassen. Man muss die Gesetzte des Landes respektieren und versuchen friedlich mit den Menschen zusammen zu leben. Daher ist es wichtig, dass unsere Eziden sich hier in Deutschland integrieren müssen, da Deutschland das einzige Land ist, welches die Eziden aufgenommen hat.
 
Wie lassen sich für Sie ezidische Traditionen in Deutschland leben?
Die Eziden waren in ihren Heimatländern verfolgt und diskriminiert. In Deutschland leben sie ganz gut und werden respektiert und gleichberechtigt behandelt. Die Eziden können wohl ihre Religion und Tradition ohne Problem in Deutschland praktizieren. 


4. Altwerden in Deutschland: Das wünsche ich mir an Unterstützung
 
Wenn Sie an Ihre Zukunft denken: Wie wünschen Sie sich Ihren Lebensabend?
Ich wünsche mir, dass die soziale Wärme in der Familie so bleibt, wie wir es in unserem Land gehabt haben.
 
Wo möchten Sie Ihr Alter verbringen?
Heimat ist sehr schön, aber ich möchte gerne mein Leben in einem Land verbringen, wo es keinen Krieg gibt.
 
Wenn die Gesundheit und die Kraft nachlassen sollte: Kennen Sie verschiedene Angebote des ambulanten und (teil-) stationären Altenhilfesystems?
Ja, ich kann etwas Englisch auch etwas Deutsch und so kann ich mich schon mich informieren.
 
Würden Sie gerne mehr darüber erfahren?
Ich lese gerne und informiere mich über solche Sachen.
 
Wie müsste externe Hilfe aussehen, dass Sie diese Unterstützung annehmen würden?
Ich denke hier wird kein Unterschied gemacht, man wird so behandelt wie der Bedarf besteht.
 
Haben Sie sonstige Wünsche an die Zukunft?
Ich möchte mich bei Deutschland bedanken, dass sie uns Eziden aber auch andere unterdrückte und verfolgte Menschen hier herzlich aufgenommen hat.

Zu allen Eziden möchte ich sagen: Ihr seid in Deutschland, ihr habt viele Möglichkeiten, ihr habt Freiheit, ihr könnt zur Schule gehen, studieren und eure Kinder ausbilden. Bitte nutzt das.

 

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